Entlastung und mangelndes Verständnis

So, vor zwei Tagen hatte ich also den Termin bei der Ärztin, das Ergebnis ist, dass sie mir die gewünschte Einweisung für die Tagesklinik schreibt. Entgegen den bisherigen Terminen war ich diesmal nur fünf Minuten bei ihr drin. Sie hat wieder gefragt, was denn jetzt genau dazu führt, dass es mir so zur Zeit so schlecht geht. Ich habe ihr geantwortet, dass ich ja schon seit Wochen sage, dass ich noch nicht soweit bin, wieder arbeiten oder auf Jobsuche zu gehen und dass ich mit der letzten Arbeitsstelle einfach noch nicht abgeschlossen habe. Außerdem habe ich seit knapp zwei Wochen stetig schlimmere körperliche Beschwerden zusätzlich zur instabilen Psyche. Sie hat dann wieder gefragt, was in meiner Therapie so läuft. Das fragt sie jedes Mal, wenn ich bei ihr bin. Ich habe da immer das Gefühl, dass sie der Meinung ist, ich müsste aus jeder Therapiesitzung mit einem Themenabschluss oder zumindest einer großen Erkenntnis rauskommen. Ich kann mir vorstellen, dass das für gesunde außenstehende Laien vielleicht so sein sollte, aber sie ist doch Psychiaterin, sie müßte doch wissen, wie der Hase läuft. Nunja, ich bekomme jetzt also meine Anmeldung in der Tagklinik, nach Angaben der Ärztin dauert es 6-8 Wochen bis zur Aufnahme. Das ist für mich in Ordnung, mir geht es ja nicht so schlecht, weil ich im Winter Zuhause sitze sondern weil dieser unsägliche Druck wegen Arbeit immer schlimmer wurde ich und das nicht mehr ausgehalten habe. Wenn ich also Anfang nächsten Jahres in die Tagesklinik gehe, kann oder brauche ich mir keinen Job suchen.

Dieser enorme Druck ist am Donnerstag nach dem Termin langsam von mir abgefallen. Vormittags am selben Tag hatte ich auch noch einige Untersuchungen wegen der Verdachtsdiagnose des Bindegewebsrheumas, welche sich höchstwahrscheinlich nicht bestätigt. Ich hatte große Angst vor dieser Erkrankung, konnte diese die letzte Zeit während ich auf die Untersuchungen gewartet habe, ziemlich gut wegschieben, aber die letzten beiden Tage waren schon sehr schlimm. Die Ärztin dort hat nochmal Blut genommen und möchte den Wert nochmal kontrollieren, aber die übrigen Untersuchungen und auch die Symptome, die man normalerweise bei dieser Erkrankung, die bei mir fehlen, sprechen dafür, dass ich dieses Bindegewebsrheuma nicht habe. Als ich das bei der Ärztin gehört habe, habe ich erstmal vor Erleichterung geweint.

Zurück zur Psychiaterin: ich habe sie jetzt das vierte Mal gesehen, diesmal ja nur wenige Minuten, vorher hat sie sich schon ordentlich Zeit genommen. Das letzte Mal hat sie mir kurz gesagt, wie sie mich einschätzt und hat es eigentlich sehr gut getroffen, dennoch habe ich bei ihr das Gefühl, dass sie mich nicht versteht. Ich habe ihr von Anfang an gesagt, dass mich dieses Arbeitsthema seit fast sieben Jahren belastet und dass ich nicht glaube, dass ich das jetzt in wenigen Wochen einfach so abhaken kann. Auch das “Enddatum” mit der Kündigung zum Jahresende hilft meiner Psyche nichts, denn erstens ist das Jahr noch nicht rum, auch wenn ich weiß, dass ich nicht mehr dort hin muss. Und zweitens ist ja auch noch nicht alles abgeschlossen, erst letzte Woche musste ich mich intensiv mit den Änderungswünschen für mein Arbeitszeugnis beschäftigen. Dann stehen noch einige Zahlungen aus, ich bekomme (hoffentlich) Weihnachtsgeld, der Arbeitgeber muss mir nach Ende des Beschäftigungsverhältnisses meinen Urlaub auszahlen, ich schulde dem Arbeitgeber noch gut 20 Arbeitsstunden. So wie ich die Personalstelle bzw. die Verrechnungsstelle kenne, läuft das garantiert auch nicht alles glatt. Es wird bestimmt mindestens Ende Januar bis alle Formalitäten geklärt und abgewickelt sind und ich hatte schon immer das Gefühl, dass mein Heilungsprozess erst nach Abschluss des Ganzen beginnen kann.

Mittlerweile habe ich einige Anhaltspunkte, was bei mir schief läuft, bzw. was ich bearbeiten oder anders machen möchte. In meiner Einzeltherapie komme ich da irgendwie nicht sonderlich weit, daher habe ich mich entschlossen, nochmal in eine Tagesklinik zu gehen. Das hat mir vor vier Jahren schon gut geholfen und ich bin jetzt von den Themen oder zumindest vom Wissen über die Problematiken weitaus weiter und erhoffe mir einige Fortschritte und Erkenntnisse von diesem Aufenthalt. Ich denke, das ist für mich momentan die richtige Entscheidung.

Seit Donnerstag Abend fällt die Last auch schon von meinen Schultern, ich fühle mich seelisch etwas besser, der Bauch erholt sich auch etwas, ich konnte schon wieder was anderes als Huhn mit Kartoffeln essen! Gestern war ich total platt, sowohl seelisch als auch körperlich, ich hatte Muskelkater überall. Heute ist es schon wieder etwas besser. Ich versuche die Zeit bis zur Klinik Zuhause zu nutzen, mir Gedanken über die Themen und auch bisherige Fortschritte zu machen und möchte mir überlegen, wie es nach der Klinik weitergehen kann. Momentan sehe ich also wieder etwas positiver in die Zukunft, auch wenn ich schon noch ziemlich down bin.






Druck

Momentan fühle ich mich wieder jeden Tag schlechter. Ich bin jetzt nach der Reha fast fünf Monate Zuhause. Mein Arbeitsvertrag läuft noch bis 31.12., solange wird mich die Ärztin auch noch krankschreiben. Darüber hinaus aber wohl nicht, ich kenne die Ärztin jetzt seit drei Monaten, sie hat mich in dieser Zeit drei Mal gesehen und vierwochenweise krankgeschrieben. Ich sage ihr die ganze Zeit schon, dass dieses Arbeitsthema bzw. diese Arbeitsstelle für mich noch längst nicht abgeschlossen ist, auch wenn es ja schon ein Enddatum gibt und ich dort nicht mehr hin muss. Momentan ist das Arbeitszeugnis aktuell, ich habe eines angefordert, damit ich mich bewerben kann, mit der ersten Version bin ich nicht zufrieden, nun liegt meine Änderung beim Arbeitgeber vor und ich hoffe, dass die das jetzt so unterschreiben und dann zumindest hier Ruhe ist. Dann fliessen aber auch noch ein paar Gelder in den nächsten Monaten, ich schulde dem Arbeitgeber die Zwangsversicherung seit Juni und einige Stunden Arbeitszeit, die müssen mir Weihnachtsgeld und im Januar dann auch meinen Urlaub auszahlen. Das sind alles belegbare Tatsachen, aber auch ohne diese bin ich einfach mit dieser Arbeit noch nicht “fertig”. Ich habe mich nun sieben Jahre dort quälen lassen und selbst gequält und laut der Ärztin soll ich da nun einfach einen Haken hinter setzen und mich auf die Jobsuche machen, damit ich im Januar wieder irgendwo arbeite. “Sie wissen ja jetzt, wann es nicht geht und können dann ja wieder kündigen!” war ein Satz, den sie im ersten zweiten Termin gesagt hat. Schön, dann bauen wir mal auf diesem Satz auf: ich weiß jetzt schon, dass ich mich momentan nicht auf Jobsuche begeben kann, also müsste ich ja jetzt schon die Reißleine ziehen und eben keinen Job suchen, oder?

Ich habe seit einer Woche Bauchschmerzen, teilweise auch wieder Durchfall, kann mich mal wieder nur hauptsächlich von Huhn, Kartoffeln und weißem Brot ernähren. Ich sitze teilweise hier Zuhause und fange einfach an zu heulen und weiß nicht mal, warum. Und wann hat das angefangen? Richtig, als ich meinen Lebenslauf neu geschrieben habe, ging es mir schon echt nicht gut, dann war wieder etwas Ruhe. Nun hatte ich eine Aufforderung zur Bewerbung über die Jobbörse und habe eine Bewerbung dorthin geschickt, ich habe nämlich auch schon wieder Angst, was passiert, wenn ich mich einfach nicht bewerbe…

Seit diese Bewerbung raus ist, geht es mit meinem Befinden steil bergab. Ich schlittere meiner Meinung nach gerade wieder volle Kanne in die Depression. Unter Menschen habe ich  mittlerweile auch wieder so meine Probleme, zuviel Lautstärke und zu viel Durcheinandergerede machen mich total fertig, überfordern mich tierisch und ich bekomme schon richtig Fluchtreflexe. Jetzt habe ich das alles ja neben der Ärztin auch meinem Therapeuten schon seit Wochen gesagt, der sich immer noch nicht sicher war, ob ich nun wirklich nicht kann oder nur nicht will und deswegen nicht kann. Ende letzter Woche war es dann soweit, dass ich die Stunde bei ihm eigentlich nur durchgeheult habe und ihm gesagt habe, was ich jetzt wieder alles an Symptomen habe, und jetzt glaubt er mir wohl, dass ich wirklich noch nicht so weit bin, mich auf die Arbeitssuche zu begeben. Wegen der Ärztin meinte er, es wäre sehr gut, dass ich den Termin auf diese Woche vorverlegt habe, aber falls diese sich weiter nicht überzeugen lässt, bleibt mir nur, mir einen anderen Arzt zu suchen und zu hoffen, dass dieser mir glaubt. Das ist wie ich heute festgestellt habe, nicht so einfach, wie ich dachte, Psychiater gibt es hier in der Umgebung kaum und dann nehmen sie momentan oder wenigstens so schnell keine neuen Patienten auf.

Nun sitze ich seit vier Tagen hier und überlege, was ich am Donnerstag wie zu meinem Therapeuten gesagt habe, dass mir dieser endlich glaubt. Genau das müsste ich ja auch der Ärztin vermitteln, aber mir fällt nicht viel ein, was ich diesmal anders gemacht habe, außer dass ich überhaupt nicht mehr zu heulen aufgehört habe, sonst habe ich nur zwischendrin mal geweint. Der Therapeut hat mir auch gesagt, ich müsste der Ärztin ein anderes Bild “anbieten”, also dass nicht nur alleine diese Arbeit sondern eben etwas anderes Schuld an meiner Depression ist, das eben über den 31.12. noch besteht. Aber ich weiß wirklich nicht, was oder wie ich der Ärztin noch mitteilen soll. Ich bin absolut ehrlich und habe in den drei Gesprächen mit ihr auch immer das Gefühl gehabt, dass sie mich versteht, bis auf dieses Ultimatum, dass sie mir da setzt.

Und genau das ist es, ein Ultimatum, welches sie mir von August an schon irgendwie gesetzt hat, aber man hofft und erwartet ja eigentlich auch, dass es einem in einer gewissen Zeit besser geht, oder der Arzt eben auch sieht, dass die Besserung noch nicht eingetreten oder so weit fortgeschritten ist, wie man ursprünglich dachte. Nun sind es noch sechs Wochen und ich fühle mich immer mehr so, als würde sich das Damoklesschwert über mir täglich um ein paar Milimeter weiter senken und ich bekomme nicht nur Angst, wie sie die Ärztin und der Therapeut ja diagnostiziert haben und die ich quasi mit “und jetzt erst recht” bekämpfen soll, sondern entwickle auch wieder alle meine depressiven Symptome. Und genau da wollte ich doch nicht mehr hin! Ich will mein Leben und meine Gesundheit in den Griff bekommen und wenn das heißt, dass ich noch ein paar Wochen oder Monate Zuhause brauche, dann ist das eben so! Wozu haben wir in Deutschland die hohen Krankenkassenbeiträge, die 78 Wochen Krankengeldzahlung, wenn ich jetzt schon stetig drum betteln muss, weiter krank sein zu dürfen? Dieser ewige Druck, der momentan wieder auf mir lastet, macht doch alles nur wieder schlimmer! Selbst wenn ich jetzt sage, ach scheiß drauf, dann bist Du im Januar eben arbeitslos, da kommt ja der nächste Druck: das Arbeitsamt will Termine und bei diesen Terminen Resultate, also Bewerbungen sehen, das Geld ist eigentlich auch viel zu wenig. Und das soll ich alles über mich ergehen lassen, obwohl ich doch weiß, dass ich eigentlich gesundheitlich noch gar nicht kann?! Sogar mein Körper schreit ja schon wieder “STOP”, indem er mir Bauchweh und Durchfall beschert.

Ich finde die Situation echt zum Kotzen und in Gedanken grüble ich ständig, was ich der Ärztin in drei Tagen sagen kann, dass sie mir glaubt und dieses Ultimatum außer Kraft setzt. Ich will endlich gesund werden, aber so wie es momentan alles läuft, wird das wohl so schnell nichts.






Angst

Ich fühle mich zur Zeit manchmal ziemlich hilflos und ängstlich: Vor ein paar Wochen hat sich ja erst wieder ein bekannter Sänger, der unter Depressionen litt, das Leben genommen. Solche Gedanken habe ich zum Glück nicht. Aber wenn ich sowas höre, bekomme ich es immer mit der Angst zu tun.

Vor fast acht Jahren, hat sich ein Spezl von mir das Leben genommen, ich glaube, niemand wusste, dass er unter Depressionen litt. Wir haben uns alle immer um seine Frau Sorgen gemacht, die sichtbar erkrankt war. Er war ein herzensguter Mensch, hat für seine Mitmenschen alles gemacht, war stets da, wenn man Hilfe oder einen Freund brauchte und dann erfährt man auf einmal, dass er sich aufgehängt hat. Dieser starke Mann! Der so vielen etwas bedeutet hat!

Und dann denke ich an Robin Williams, ein begnadeter Schauspieler, der so viele Menschen berührt hat, zum Lachen, Nachdenken oder auch Weinen gebracht hat und auch dieser Mensch hat keinen anderen Weg mehr gesehen, als sein Leben zu beenden. Und manchmal ist es dann eben so weit, dass ich mir denke, wenn die keinen anderen Ausweg mehr gesehen haben, woher weiß ich, dass es mir nicht auch irgendwann wieder so geht? Zu diesem Thema hab ich eigentlich noch nie jemandem was erzählt. Mein Verlobter weiß, dass ich vor Jahren mal solche Gedanken hatte, aber dieses Thema haben wir so noch nie besprochen.

So, das musste jetzt einfach auch mal raus!






“Du musst jetz mal schauen, dass Du wieder auf den Damm kommst!!

Ich könnte seit heute Mittag nur noch heulen. Genau diesen Satz hab ich heute von meinem Verlobten gehört! Ist ja eigentlich eine Variante von “Jetzt reiß Dich halt mal zam!”. Er hat das wohl nicht böse gemeint und wollte irgendwie ein Gespräch damit beginnen, mir hat es nach diesem Satz aber sofort gereicht. Ich bin in Tränen ausgebrochen und hab den Raum verlassen, als er mir dann später nachgegangen ist, hab ich mich angezogen und bin raus, musste eh einkaufen. Er wollte mich dann erst nicht gehen lassen, als er mich dann gehen ließ, kam dann noch der Satz “Das ist das mit dem Stolperstein, was der Therapeut meint! Es passiert eine Kleinigkeit und Du rastest aus!” Prinzipiell stimmt das schon und es ist auch immer wieder Thema in meiner Therapie, aber dieser Satz heute ist für mich keine Kleinigkeit!

Gut, ich bin momentan nicht so gut drauf, hatte gestern wieder Migräne, die mich zwischenzeitlich anderthalb Jahre in Ruhe gelassen hat und er fährt in drei Tagen für drei Wochen in die USA. Wir waren noch nie so lange und v.a. so weit getrennt.

Aber zurück zu diesem einen Satz. Für mich heißt das, ich würde mich gehen lassen, nicht alles dafür tun, dass es mir besser geht, in Selbstmitleid versinken. Ja, ich bin jetzt nach der achtwöchigen Reha seit fast drei Monaten krankgeschrieben Zuhause und werde in die Arbeit, die mich so krank gemacht hat, nicht mehr gehen. Ich hatte in der Zeit meistens täglich einen oder mehrere Arzt-, Therapie- oder Sporttermine und bin damit schon manchmal an meine momentanen Grenzen gekommen. Wenn ich jetzt überlege, dass ich dazu eigentlich noch 40 Stunden pro Wochen arbeiten sollte, was ich laut meiner Fachärztin im Januar auch wieder tun soll, dann wird mir Angst und Bange. Klar, die meisten Außenstehenden verstehen es einfach nicht, wie man sich fühlt, wenn einen die Depressionen einholen, wenn die einfachsten Dinge Anstrengung bedeuten. Ich reagiere mittlerweile mit einer somatoformen Schmerzstörung, d.h. mir tut eigentlich ständig irgendwas weh, mal nur nervig, aber teilweise eben auch so extrem, dass ich vor Schmerz und Verzweiflung heulen und schreien könnte.

Und dann kommt Dein Verlobter und meint, dieser Satz wäre eine tolle Einleitung zu einem Gespräch über die Zukunft. Wir sind erst seit Kurzem verlobt und suchen gerade ein Eigenheim, für ihn sind das Riesenschritte. Und er meinte dann eben, wenn wir jetzt mit dem Haus, das wir uns aktuell überlegen den Schritt ins Eigenheim (und natürlich auch die finanzielle Belastung) wagen, dann sollte es mir auch besser gehen als zuletzt, weil es ja dann auf die Familienplanung zu geht und es so wie es jetzt ist, keinen Sinn macht.

Egal von welcher Seite ich seine Einleitung zu betrachten versuche, für mich kommt immer dabei raus “Du tust nix bzw. nicht genug, damit es Dir besser geht! Leg halt einfach den Schalter um!” Klar, ich bin gerne krank, sitze mit 33 Jahren Zuhause, habe immernoch keine Kinder, obwohl ich das schon seit 15 Jahren will und falle bei jeder kleinsten Belastung in ein riesiges Loch. Ich find das natürlich toll so und tue nicht alles dagegen! Dann hab ich ihm im Streit gesagt, er solle mir doch dann seinen Masterplan nennen, was ich noch tun soll und wie es mir dann wieder gut oder zumindest besser geht: interessant, er weiß es nicht! Schön, so weit bin ich auch schon länger! Er wollte halt jetzt auch mal was sagen, das hat er ja die letzten Wochen nicht gemacht, weil ich ihn darum gebeten hatte. Mir ist klar, dass es für Außenstehende schwierig ist, aber bisher war er immer eine große Stütze für mich. Da tut es gleich doppelt und dreifach weh, sowas zu hören. Nach so einem Streit brauch ich eigentlich erstmal meine Zeit, jetzt ist er aber in drei Tagen dann so lange weg und sowas will ich dann auch nicht zwischen uns stehen haben. Super, also noch eine Riesenbelastung mehr, die kann ich gerade echt gut gebrauchen!

Nun sitze ich also hier, könnte nur heulen und bin auch sauer, will mich eigentlich mit jemandem austauschen, der mich versteht. Aber ich weiß leider nicht, wen ich anrufen kann, der mir gerade Trost geben könnte. Ich würde gerne unter Leute gehen, oder zumindest jemanden treffen, aber ich andererseits will ich auch wieder nicht.

 

Erleichterung

In letzter Zeit ging es mir ja relativ schlecht. Das Arbeitsthema alles andere als beendet, Stress mit der Krankenkasse wegen MDK, ständige Schmerzen und dann noch die Selbstvorwürfe. Alles also nicht so toll, langsam aber sicher geht es aber etwas besser.

Am Dienstag habe ich die Kündigung meines Arbeitgebers erhalten, ich kann und will dort ja nicht mehr arbeiten, habe auf die Kündigung gewartet und werde bis zum Ende des Arbeitsverhältnisses von der Fachärztin krankgeschrieben. Dann war sie nun also endlich da, die Kündigung. Erst hatte ich Schiß, als ich den Brief in den Händen hielt, kein Einschreiber oder so, ich hatte schon die Befürchtung, dass die mich zu irgendeinem Gespräch laden. Aber alles ok, Kündigung zum 31.12., ich hab den Brief gelesen und ihn erstmal im Schrank verstaut. Aber so ganz langsam machte sich eine Erleichterung in mir breit, ich hatte etwas bessere Laune und war nicht mehr ganz so betrübt.

Jetzt ist das vier Tage her und ich habe schon das Gefühl, dass es mir besser geht. Jeden Tag ein kleines Bisschen mehr. Heute habe ich mal wieder meditiert, so eine kurze geführte Meditation “Mit Gefühlen arbeiten”. In letzter Zeit kamen da immer nur Schmerzen, Wut, Verzweiflung, Angst hoch. Und was kam da heute? Erleichterung! Zufriedenheit! Ich habe es richtig gespürt, wie es aus meinem Bauch heraus aufgestiegen ist und sich langsam in meinen ganzen Körper ausgebreitet hat. Ich habe vor Freude geheult! Jetzt muss ich dazu sagen, dass ich ein sehr sensibler Mensch bin, manche können sowas vielleicht nicht verstehen.

Auf jeden Fall blicke ich jetzt wieder etwas positiver in die Zukunft. Ich hoffe, dieses Gefühl hält an. Ich überlege schon seit einigen Tagen, meine Hypnosetherapeutin mal wieder aufzusuchen, sie hat mir schon so manches Mal geholfen und ich könnte mir vorstellen, dass sie mir helfen könnte, das Arbeitsthema nicht nur vom Tisch sondern auch aus dem Kopf zu bekommen.

Warum traue ich mir nichts zu?

Gestern kam mir bei meinem Therapeuten ein Gedanke, den ich mal etwas näher beleuchten möchte. Mein Hauptproblem seit die Depressionen da sind ist ja meistens, dass ich wegen ganz einfachen Sachen total durchdrehe, Angst bekomme etc. Derzeit zum Beispiel folgendes: ich beziehe jetzt seit einigen Wochen Krankengeld, nun schreibt mir die Krankenkasse, dass sie den MDK zu Rate gezogen haben und dieser der Meinung ist, dass ich nächste Woche eine Wiedereingliederung anfange. Nun hat der MDK keine Befunde angefordert und mich auch nicht persönlich befragt. Im ersten Moment hab ich mich nur etwas aufgeregt, weil ich sowas schon frech finde. Kurz darauf hatte ich eh einen Termin bei meiner Fachärztin, die meinte, ich solle Einspruch einlegen und meinen Reha-Entlassbericht reinschicken, das habe ich auch getan. Alles ganz logisch und eigentlich auch nachvollziehbar. Leider hab ich diese Rechnung aber ohne mein Unterbewusstsein gemacht: seitdem kann ich nämlich leider kaum noch ein- und noch weniger durchschlafen. Die Wochen vorher hatte ich ähnliche Probleme wegen meiner (jetzt bald ehemaligen) Arbeit. Ich kam ja aus der Reha und habe für mich entschlossen, nicht mehr in diese Arbeit zu gehen, da sie mich nur krank macht. Ich bin als arbeitsunfähig aus der Reha entlassen worden und werde von meiner Hausärztin bzw. jetzt von meiner Fachärztin bis zum Ende des Beschäftigungsverhältnisses krank geschrieben. Da mir ja eh schon oft mit der Kündigung gedroht wurde, kündige ich aber nicht selbst, sondern warte auf meine Kündigung. Ich habe mich auch schon über die Kündigungsfrist erkundigt. Da ich einen GdB von 30 und die Gleichstellung habe, muss das ja das Integrationsamt um Zustimmung zur Kündigung gebeten werden. Dass der Personalrat und die Schwerbehindertenvertretung irgendwann auf mich zukommen und mit mir sprechen wollen, war eigentlich auch völlig klar. Und was das Wichtigste ist: ich will ja diese Kündigung! Es ist nicht mehr wie die letzten Jahre, dass ich davor immer tierische Angst hatte, sondern ich will dort nicht mehr arbeiten und will von denen gekündigt werden. Also ist doch eigentlich alles in Ordnung, oder? Nein, eben nicht. Jedes Mal, wenn ein Brief oder ein Anruf kommt, bin ich wieder total am Boden. Ich bin zittrig, habe Weinkrämpfe, Kopfschmerzen, kann nicht mehr richtig schlafen, sehe nur noch schwarz. Deswegen habe ich letztens meinem Freund die ganzen Telefonate mit der Personalrätin etc. überlassen, weil ich es einfach nicht mehr konnte. Die Personalrätin ist sehr nett und der Schwerbehindertenvertreter auch, sie haben sich mit uns an einem neutralen Ort getroffen, um mit uns die Problematik zu besprechen. Sie haben über Kündigung, Aufhebungsvertrag, Klagemöglichkeiten und Erfolgsaussichten berichtet. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass mir der Arbeitgeber kündigt, ich nicht dagegen klagen werde und im Gegenzug dazu ein möglichst gutes Arbeitszeugnis bekommen werde.

Nachdem dieser ganze Spuk erstmal rum war, ging es mit den Selbstvorwürfen los: ich war total enttäuscht und sauer, dass es mir jetzt deswegen wieder so schlecht ging. Ich will das doch so und ich wußte doch auch, dass diese Gespräche kommen werden. Ich weiß eigentlich ganz genau, was gerade los ist und dass ich mich total unnötig aufrege, aber ich kann es einfach nicht abschalten. Und dann falle ich nach der eigentlichen Situation wieder in ein Loch, weil ich eben so sauer und enttäuscht bin. Momentan drehe ich mich ständig in diesem Kreis. Zwischendrin kommen dann auch noch Zweifel wie “War das in dieser Arbeit wirklich so schlimm? Kannst Du da wirklich nicht mehr arbeiten?” Alles Gedanken, die in meiner momentanen Situation total kontraproduktiv sind.

Nun habe ich gestern also mit meinem Therapeuten gesprochen, es ging um eben diese Problematik, dass ich eigentlich genau weiß, was gerade los ist und dass das auch richtig so ist und trotzdem total am Rad drehe. Er fragte dann, woher diese Unsicherheit in meine Fähigkeiten käme. Ob in der Kindheit/Jugend immer alles von anderen für mich geregelt wurde, oder wie das so war. In der Kindheit und Jugend kann ich mich nicht so dran erinnern. Ich war ein ziemlich braves Kind, da gab es also eigentlich keinen Blödsinn, den meine Mutter für mich geradebiegen musste oder so. Ich bin mit 19 von Zuhause ausgezogen und habe dann immer alles selbst geregelt, sei es Arbeitslosigkeit, Geldnöte, Wohnungs- oder Jobsuche, einfach alles, was der Alltag so bringt. Ich habe sogar immer auch die Angelegenheiten meiner damaligen Freunde mit erledigt. Ich kann das also alles und mir ist auch bewusst, dass ich das alles kann und was ich schon alles geschafft habe. Woran liegt es nun also, dass ich mir jetzt nicht mehr traue?

Dann kam mir zum Schluss der Sitzung gestern ein Gedanke: vielleicht liegt das auch an meiner (bald ehemaligen) Arbeit? Wenn man von der freien Wirtschaft in den öffentlichen Dienst kommt, kommt man am Anfang aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus. Alles wird total aufgeblasen und verkompliziert. Man muss zwanzig Leute befragen, ob man einen Bleistift bestellen darf und wenn man ein Ziel genau vor Augen hat, muss man vorher trotzdem noch mindestens fünf Mal abbiegen, um vielleicht in diese Richtung zu kommen. Ein Spruch, der mich die ganzen Jahre begleitet hat war “Für’s Denken wirst Du nicht bezahlt!” und das ist im öffentlichen Dienst wirklich so. Die niedrigen Entgeltgruppen werden für’s Denken nicht bezahlt, die sollen den Blödsinn der von oben kommt ausführen, egal wie hirnrissig dieser Blödsinn auch sein mag. Mit der Zeit lernt man dort wirklich, seinen Kopf auszuschalten und nicht mehr mitzudenken, denn wenn man mitdenkt, bekommt man entweder Ärger oder man ärgert sich selbst über die anderen. Also stellt man sich dumm und macht, wie einem befohlen wird. Und gestern kam es mir dann eben in den Sinn: ich habe jetzt jahrelang mit Absicht mein Hirn ausgeschaltet und mich dumm gestellt. Wenn ich Ideen hatte, habe ich sie entweder nicht weitergegeben oder sie sind abgetan worden. Vielleicht habe ich jetzt also meine Fähigkeiten, Kenntnisse und auch das Vertrauen hierein so tief in mir vergraben, dass ich sie wenn sie nötig wären einfach nicht mehr abrufen kann? Umso länger ich darüber nachdenke, desto schlüssiger kommt mir das vor. Klar, ich bin erst durch diese Arbeit so krank geworden und aktuell geht es mir auch sehr schlecht, aber vielleicht hat das wirklich einen Zusammenhang?

Nun gilt es also irgendwie, dieses Muster zu durchbrechen und mir wieder etwas zuzutrauen, vielleicht kann ich dann mit der nächsten Banalität auch besser umgehen.

Die Familie, ein Schauspiel

Viele sehen ja den Ursprung ihrer Depressionen (auch) in der Kindheit. Bei mir ist das wohl auch schon so, wobei sich wirkliche Probleme erst in den letzten Jahren ergeben haben.

Ich bin zusammen mit meinem sechs Jahre älteren Bruder bei meinen Eltern aufgewachsen. Mein Vater war Vertriebler und ab meinem sechsten Lebensjahr beruflich wahnsinnig viel unterwegs, er war meist nur alle vier bis acht Wochen am Wochenende Zuhause. Den Alltag hatten wir also eigentlich nur mit meiner Mutter. Ich war als Kind schon öfters traurig, wenn ich bei Freunden zu Besuch war und dort der Vater dann abends nach Hause kam und man gemeinsam zu Abend aß. Auch einen Familienausflug am Wochenende hätte ich schön gefunden. Aber so war es halt nunmal nicht, der Vater sehr viel unterwegs und unsere Familienzeit hatten wir dann 2-3 im Jahr, wenn wir alle vier zusammen in den Urlaub gefahren sind. Ich kannte es ja nicht anders, also war das für mich (zumindest oberflächlich) die ersten Jahre wohl relativ in Ordnung und normal. Als ich dann so langsam ins Teenager-Alter kam machte ich mir so meine Gedanken und habe dann für mich den Gedanken gehabt, dass mein Vater dort, wo er (angeblich) immer so lange arbeitet, eine zweite Familie hat. Das habe ich aber niemandem anvertraut, war nur mein Gedanke für mich.

Dann kam ein Nachmittag im Sommer, also ich so dreizehn Jahre alt war, ich fuhr mit einer Freundin in die Stadt auf’s Volksfest und spaziere da so rum und sehe auf einmal meinen Bruder. Als ich auf diese Gruppe Jugendlicher zuging, um ihn zu begrüssen stellte ich erst kurz bevor ich da war fest, dass ich die Leute drumherum gar nicht kenne und bin auf dem Absatz umgedreht. Mir kam das zwar etwas komisch vor, ich habe mir aber nie große Gedanken darüber gemacht und da man bei uns Zuhause eigentlich auch nicht viel miteinander spricht, habe ich das auch niemandem erzählt. Jetzt, fast zwanzig Jahre später weiß ich, dass das wohl das erste Mal in meinem Leben war, an dem ich meinem Halbbruder begegnet bin.

Meine Zeit als Teenager war schwierig, ich war wirklich unausstehlich, hab alle meinen Launen an meiner Mutter ausgelassen, hatte keine besonders tollen Freunde, war stinkfaul in der Schule und dementsprechende Noten. Immer wenn meine Mutter nicht mehr weiter kam, kam mein Vater nach Hause und musste dann quasi “draufhauen”, also schimpfen usw. Das tat unserer eh sehr distanzierten Beziehung natürlich nicht gut, für mich war er dann irgendwann nur noch der Böse.

Einige Jahre später, als ich neunzehn war, hatte ich kurz vor Weihnachten einen Streit mit meinem damaligen Freund, wir hatten uns (mal wieder) getrennt. Normalerweise lief mein abendliches Nachhausekommen folgendermaßen ab: ich heulte bis kurz vor der Haustüre, machte mich dann frisch, wischte die Tränen weg etc. und ging ganz normal Zuhause rein. Dort begrüßte ich meine Mutter und ging direkt in mein Zimmer, wo ich dann weiterheulte. An diesem einen Abend konnte ich die Tränen nicht zurückhalten und weinte auch vor meiner Mutter. Und auf einmal weinte sie auch noch mit! Ich sagte dann “Mama, Du kannst ihn doch garnicht leiden, warum weinst Du denn mit?” und sie erzählte mir, dass sie sich von meinem Vater scheiden lassen wollte. Mein erster Kommentar dazu war “Super, ein Arschloch weniger in meinem Leben!”. Wir waren beide erstmal ziemlich verblüfft über diesen Kommentar, sprachen aber nicht weiter darüber. Ich hatte ja wie oben beschrieben eh eine sehr distanzierte Beziehung zu meinem Vater, die in den letzten Jahren auch noch durch ständiges Schimpfen weiter verschlechtert wurde. Und anscheinend hab ich unterbewusst auch damals schon langsam den Hass meiner Mutter auf meinen Vater übernommen. Ich bin kurz darauf von Zuhause ausgezogen, meine Mutter und mein Bruder zogen kurz darauf in eine kleinere Wohnung. Wo mein Vater lebte, wußte ich damals nicht. Er war ab und zu in der Gegend und rief mich an, half mir damals auch bei der Jobsuche nach meiner ersten Ausbildung. Also erstmal war die Beziehung zu ihm etwas besser. Dann “servierte” mir meine Mutter aber so nach und nach verschiedene Details unseres Familienlebens. Erst kam, mein Vater hätte schon länger eine Freundin. Ich wurde wirklich wütend auf ihn und brach damals dann abrupt den Kontakt zu ihm ab. Als ich mich wieder so halbwegs beruhigt hatte, kam einige Wochen später “Ihr habt übrigens einen Halbbruder”. Ich dachte mir dann, ok, so ein Knirps von acht oder neun Jahren vielleicht, ist halt so. Kontakt zu meinem Vater hatte ich ja eh keinen. Wieder einige Wochen später kam dann raus, dass dieser Halbbruder ein Jahr älter ist als ich. Daran hatte ich dann ordentlich zu knabbern!

Über die nächsten Jahre habe ich dann einen riesigen Hass auf meinen Vater aufgebaut, meine Mutter hat das auch immer eher befeuert. Mit meinem Bruder habe ich nicht so viel darüber gesprochen, aber er war die ersten Jahre nach der Trennung auch ziemlich angefressen und sauer. Meine Schwägerin hat vor Jahren schon immer mal wieder versucht, mich zu einer Aussprache zu bewegen, weil sie meinte, dieser Zustand des Hasses wäre nicht gut für mich. Ich habe das immer vehement abgelehnt. Erst als es mir im Sommer 2013 sehr schlecht ging und ich mir intensiv Gedanken machte, wie ich meine Situation verbessern könnte, kam ich auf die Idee, diese Aussprache mit meinem Vater zu suchen. Nachdem ich ihn im Telefonbuch nicht gefunden hatte, fragte ich meine Mutter, ob Sie eine Telefonnummer hätte, da erzählte sie mir, dass mein Bruder wohl schon seit 1-2 Jahren wieder losen Kontakt hätte und er mir die Nummer geben könnte. Tja, wie gesagt, wir sprechen nicht so wirklich miteinander, daher wußte ich das von meinem Bruder nicht. Ich hab mir also ein Herz gefasst, mir die Nummer geben lassen und meinen Vater angerufen. Er war sehr verblüfft, dass ich anrufe, wir haben uns dann für den nächsten Tag zum Abendessen verabredet. Wir saßen damals fast vier Stunden in diesem Restaurant, haben uns erzählt, was wir gerade so machen und auch wie die letzten Jahre liefen. Er hat mir auch teilweise seine Sicht der Dinge erzählt, warum meine Eltern es eben so gemacht haben, wie sie es gemacht haben und sich nicht viel früher haben scheiden lassen. Nun hatte ich zu dem, was meine Mutter mir erzählt hatte, auch noch die Sichtweise meines Vaters. Ich beschreibe es immer so: meine Mutter gibt mir weiß, mein Vater schwarz und ich muss mir mein grau daraus selbst zusammenmischen.

Einige Wochen später wurde ich in der Tagesklinik aufgenommen und die wollten viele Seiten ausgefüllt haben, in denen ich alle möglichen Familien- und Arbeitsgeschichten etc. erzählen und auflisten musste. Da kam mir meine Mutter also nicht wirklich aus, sie wollte ja, dass es mir besser geht und mir geholfen werden kann, also musste sie so manches auspacken. Bei diesen Gesprächen kam dann raus, dass sie die Mutter meines Halbbruders kennt, sie war im selben Freundeskreis. Und als dieses “graue Mäuschen” damals ohne Mann an der Seite schwanger wurde, fragte meine Mutter sofort meinen Vater, ob er der Vater dieses Kindes wäre, was er verneinte. Das finde ich schon bezeichnend, wenn ich meinen Ehemann frage, ob er der Vater des anderen Kindes ist. Nunja, die Lügen gingen also damals schon munter weiter. Als mein Halbbruder ca. drei Jahre alt war, kam ein Steuerbescheid für meinen Vater bei uns Zuhause an und da war ein Kind “zuviel” drauf, da konnte sich mein Vater dann nicht mehr rausreden. Viel mehr hat meine Mutter dazu aber auch nicht mehr erzählt, ob sie sich damals dann quasi schon getrennt haben, oder wie sie sich das vorgestellt haben, bleibt wohl ihr Geheimnis. Von meinem Vater weiß ich mittlerweile, dass er gerne gehabt hätte, dass wir unseren Halbbruder kennen lernen und meine Mutter das immer strikt untersagt hat.

So haben sie uns also bis ich 19 Jahre alt war, die heile Familie vorgespielt. Wir haben in großen Reihen- oder Doppelhäusern (zur Miete) gewohnt, sind 2-3 Mal im Jahr zusammen in den Urlaub gefahren, wir beiden haben eigentlich alles bekommen, was wir uns gewünscht haben. Wenn mein Vater dann mal alle paar Wochen am Wochenende da war, sind wir meistens zusammen essen gegangen, wir haben Weihnachten und die Geburtstage zusammen gefeiert. Nach Außen hin also eine schöne heile Familie. Das einzige, was mir immer schon auffiel war, dass meine Eltern sich nicht küssten oder Händchenhielten, aber das allein muss ja nichts heißen.

Innendrin wurde nie über irgendwelche Probleme oder gar die Trennung gesprochen, da ich aber sehr feinfühlig bin, habe ich dieses “Schauspiel” wohl unterbewusst schon im Kleinkindalter wahrgenommen. Durchschauen konnte ich es natürlich nicht, aber irgendwas hat wohl schon immer an mir genagt. Ich habe auch heute noch Probleme, Leuten zu vertrauen, oder auch sie richtig einzuschätzen. Manchmal traue ich Leuten, die es absolut nicht wert wären und bin danach total entsetzt, dass genau diese Personen mich dann verarscht haben, und manchmal brauche ich aber auch bei ganz lieben, ehrlichen Personen ewig, bis ich ihnen trauen kann. Nun kenne ich also die Geschichte meiner Eltern, oder zumindest den groben Grundriss davon, habe das auch schon oft in Therapien, Gesprächen mit Gleichgesinnten etc. besprochen und finde trotzdem keinen richtigen Ansatzpunkt, wie ich diese Problematik bei mir “heilen” könnte. Gerade in der Arbeitswelt habe ich immer wieder große Probleme. Aber das ist ein anderes Thema.

Warum kann ich nicht von Zuhause weg?

Bei diesem Gespräch mit meinem Vater konnte ich ihn nicht vom Thema abbringen, dass ich endlich mal weg von Zuhause muss und nicht immer nur diese sinnlosen ambulanten Therapien machen kann. Ich müsste mich halt mal dazu zwingen und das durchziehen. Alles andere bringt doch nix.

Ich habe 2013 vor der Tagesklinik versucht, in eine stationäre Klinik zu gehen. Ich hatte von dieser Klinik viel Positives gehört, ziemlich kurzfristig einen Aufnahmetermin bekommen und hatte vorher in der Arbeit einen totalen Zusammenbruch, so dass ich auch selbst soweit war, dass ich stationär gehen wollte. Ich hatte also den Termin in gut einer Woche. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich Zuhause schon Heimweh, weil ich bald wegmüsste. Ich konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr richtig essen, habe ständig geweint, Angstzustände gehabt. Aber ich wollte da durch. Also bin ich in diese Klinik gefahren. Ich war wohl auch zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt dort, es war einen Tag vor einem Feiertag an einem Donnerstag, Freitag also Brückentag und dann Wochenende. Da würde also eigentlich bis Montag nicht viel passieren. Ich kam also wie besprochen am Vormittag an, wurde aufgenommen und auf mein Zimmer gebracht. Dann folgte ein kleiner Rundgang und dann wartete ich darauf, dass die Ärztin das Aufnahmegespräch mit mir führte. Ich wurde in ein Dreibett-Zimmer einquartiert, die beiden Mitbewohner waren sehr nett. Das Zimmer war auch schön, hatte sogar einen kleinen Balkon, was aber nichts brachte, da man die Tür nicht öffnen konnte, das Fenster konnte man auch nur minimal kippen. Ich bekam dort sofort Beklemmungsgefühle, hatte die ganze Zeit das Gefühl, ich könne in diesem Raum nicht atmen. Dann habe ich mich also in die Gemeinschaftsräume gesetzt und dort gewartet, meine Nervosität wurde immer schlimmer. Ich habe auch mehrfach nachgefragt, wann die Ärztin denn endlich Zeit hätte und auch gesagt, dass es mir echt schlecht ginge und ich dringend mit jemandem reden müsste. Ziemlich bald hab ich mich dann in den Raucherhof verzogen, es war Anfang Oktober und wir hatten einen Kälteeinbruch, es hatte nur wenige Grad über null. Da ich immer nervöser wurde und drinnen keine Luft mehr bekam, stand ich da also fast den ganzen Tag draussen und rauchte, keine Ahnung wie viele Zigaretten. Viele Tränen und Nachfragen später, hat die Ärztin sich dann abends irgendwann doch mal Zeit genommen, nachdem man mir eigentlich gesagt hatte, das würde heute nix mehr werden. Als ich mit der Ärztin sprechen konnte, war ich schon total am Ende mit den Nerven. Ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen, nur geheult, geraucht und Cola getrunken, zitterte am ganzen Körper. Ich wollte schon am selben Tag wieder heimfahren. Die Ärztin war eigentlich recht nett, sie fragte, was denn das Problem sei und versuchte mir klarzumachen, dass das den meisten am Anfang so geht und dass ich einfach Geduld haben müsste. Nach dem, was ich ihr in diesem ersten Gespräch erzählen konnte, meinte sie, es wäre sehr wichtig, dass ich hier sei und man mich “aus meinem Schneckenhaus” rausholen würde. Ich würde das auch bald so sehen. Ich habe mich dann überreden lassen, zu bleiben und einfach mal zu schauen, wie es wird. Als das Gespräch rum war, war es schon abends gegen neun. Ich habe mein Abendessen stehen lassen, etwas gelesen und die Nacht versucht, zu schlafen. Das ging absolut nicht, mir war kalt, ich hatte Angst, hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen, Weinkrämpfe, extreme Kopfschmerzen, innere Unruhe und Zittern und konnte mich nicht mehr beruhigen. Am nächsten Morgen habe ich entschlossen, dass ich dort nicht bleiben kann und um meine Entlassung gebeten. Ich musste dann auf einen Therapeuten warten, dieser hatte mich am Vortag auch schon vergebens versucht, zu beruhigen. Ich habe ihm erzählt, dass es mir noch nie in meinem Leben so schlecht ging wie jetzt seit gestern und habe gesagt, dass ich nach Hause fahren werde. Der Therapeut wollte mich zum Bleiben überreden, aber mein Entschuss stand fest und ich habe dann irgendwann die Entlasspapiere bekommen. Da ich selbst nicht Autofahren durfte (und es nach diesem Horrortag auch nicht gekonnt hätte), musste ich warten, bis mein Freund mit dem Zug angereist kam, um mich abzuholen und mit meinem Auto nach Hause zu fahren.

Selbst zurück Zuhause habe ich einige Zeit gebraucht, um mich von diesem Horrorerlebnis zu erholen. Auch heute, fast vier Jahre danach, stellt es mir noch sämtliche Nackenhaare auf, wenn ich daran denke. Für mich ist es bis heute noch die richtige Entscheidung, diese Klinik zu verlassen und mich um einen Platz in der Tagesklinik zu bemühen, was ja auch schnell geklappt hat.

Ich weiß leider nicht, warum ich so ein Problem damit habe, von Zuhause weg zu sein. Ich schlafe auch nicht gern bei meinem Freund, in Urlaub fahren geht auch nur maximal eine Woche. Dieser Urlaub kann traumhaft schön sein, ich liege dann aber trotzdem am Strand und denke mir “Hach, ist das hier alles traumhaft schön! Und in drei Tagen darfst Du wieder heim!”. Ich finde es selber total dämlich und verstehe einfach nicht, warum das so ist. Klar, ich fühle mich Zuhause sehr wohl, habe dort meine Katzen, die mir auch sehr viel Halt geben. Ich bin aber auch unterwegs, zu Freunden, einkaufen, beim Fussball, das ist alles kein Problem. Aber über Nacht oder gar mehrere Nächte weg? Das ist schon schlimm für mich. Und es wurde in den letzten Jahren stetig schlimmer. Als Teenie habe ich oft bei Freundinnen (oder verbotenerweise bei meinem Freund) übernachtet, auch bei meinen Großeltern war ich manchmal mehrere Tage ohne Probleme. Mit Anfang 20 wohnte ich in einer WG, auch dort war es mir noch kein Problem, auswärts zu übernachten, damals hatte ich aber auch die Depressionen noch nicht. Mein Freund fährt mit seinen Eltern für drei Wochen nach Amerika, eine Rundreise mit entfernten Verwandten. Ich würde eigentlich so gerne mitfahren, ich wollte auch mal in die USA, unseren ehemaligen WG-Mitbewohner in Tulsa besuchen und mir etwas das Land anschauen. Die letzten Tage verbringen sie zum Baden auf Hawaii, das wäre so traumhaft schön. Aber ich kann nicht mitfahren: allein der Gedanke daran, so lange von Zuhause weg zu sein, lässt bei mir die Angst ausbrechen. Ich kann nicht benennen, was mich daran so fertig macht. Mein Freund wäre dabei, seine Eltern sind auch total lieb und ich mag sie sehr gerne, und in die USA wollte ich schon auch immer mal. Aber ich kann es einfach nicht. Jetzt rückt die Reise immer näher und ich kann nicht mal daran denken, ich sehe meinen Schatz drei Wochen nicht, verpasse diese tolle Reise und kann mir nichtmal selbst erklären, warum überhaupt.

Hoffentlich komme ich bald mal dahinter, warum ich solche Probleme damit habe und wie ich damit besser umgehen kann. Solange ich das aber nicht weiß und nicht bearbeitet habe, bin ich froh darum, dass es sowohl ambulante Kliniken als auch ambulante Rehas gibt. Und nachdem das Angebot stetig wächst und es sowohl die Krankenkasse als auch die Rentenversicherung bezahlen, kann es doch eigentlich nicht so schlecht sein, oder?

Was ist der Auslöser?

Letztens hatte ich ein Gespräch mit meinem Vater. Ich muss dazu sagen, er ist schon irgendwie ein Besserwisser und meint immer, er hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen. Er hat seine Meinung und die versucht er Dir mit allen Mitteln reinzupressen. Ob Du sie nun hören willst oder nicht, ob Du gute Gegenargumente hast oder nicht, ist egal. Nunja, dann hatten wir also dieses Gespräch. Ich habe mich ja vor knapp drei Monaten in der Reha dazu entschlossen, nicht mehr in diese Arbeitsstelle zurück zu gehen, da ich mittlerweile weiß, dass sie mir in den letzten sechseinhalb Jahren extrem geschadet hat. Seit ich diesen Entschluss gefasst hatte, ging es mir in der Reha auch schon viel besser, v.a. körperlich. Mein Partner und meine Mum stehen bei diesem Thema auch voll hinter mir. Mein Bruder und meine Schwägerin finden es auch gut. Meinem Vater wollte ich schon lange davon erzählen, aber dafür brauchte ich die richtige Verfassung und den richtigen Zeitpunkt, da er wie oben beschrieben, wirklich anstrengend reagiert.

Ich hatte mir seit Wochen schon meine Einleitung zurecht gelegt. Ich wollte ihm sagen, dass ich ihm jetzt etwas mitteilen möchte und ob er mir bitte vorher versprechen kann, dass er es zur Kenntnis nimmt und nicht kommentiert. Zwei Gelegenheiten hätten sich eigentlich ergeben, da war er aber beide Male so ekelhaft drauf, dass ich es gelassen hab. Nun hat sich also letztens die Gelegenheit ergeben, wir waren alleine, das Thema kam auf meinen Halbbruder, der seit Monaten mit einem seltsamen Virus zu tun hat, mehrere Male im Krankenhaus war, viele Medikamente nehmen musste und nach dem KH natürlich auch noch krank Zuhause war. Da dachte ich mir, na gut, jetzt sind wir schon halbwegs beim Thema: dann sag ich’s ihm jetzt. Ich hab ihm also erzählt, dass ich seit der Reha krankgeschrieben bin und dies auch länger sein werde. Er fing sofort an, ob das so gut wäre? Ich solle aufpassen, dass ich den Job dann nicht irgendwann los bin usw. Als ich ihm dann sagte, dass ich den Job schon ziemlich sicher los sei und dass das auch von mir gewollt ist, ging es natürlich weiter: wo ich denn sonst nen Job finden will. Ich bin ja so viel krank, etc. Natürlich bin ich viel krank, die haben mich da ja auch krank gemacht. Und selbst wenn nicht: ich habe jahrelang geglaubt, ich müsse dort bleiben, weil ich ja eh nix anderes finde. Aber dadurch wurde ich nur noch kränker, sowohl psychisch als auch körperlich. Ich habe mich in dieser Diskussion eigentlich ziemlich gut geschlagen, habe ihm auch mehrfach gesagt, dass ich ihm das jetzt eigentlich nur mitteilen und es nicht zur Diskussion stellen wollte. Darüber ging mein Vater aber einfach hinweg und haute mir weiter seine Weisheit um die Ohren. Eine zentrale Aussage war: ich müsse doch jetzt endlich einsehen, dass ich dringend mal raus muss und mich ein paar Wochen in eine Klinik begeben muss. Diese ständigen ambulanten Versuche brächten doch nix und es wäre so als würde ich nur ein Pflaster draufkleben und weitermachen. Er fragte immer wieder, ob ich denn wenigstens wüsste, woher die Depressionen kämen, was der Grund dafür ist. Tja, wenn das so leicht wäre! Ich denke schon, dass meine Kindheit damit zu tun hat, aber ob das alles ist? Ich habe vor Jahren eine Verhaltenstherapie angefangen, dort hat sich alles um das Mobbinggeschehen in der Arbeit und meine Eltern gedreht. Wir haben uns relativ schnell nur im Kreis gedreht und weil es mir dann eigentlich auch besser ging, die Therapie in beiderseitigem Einverständnis beendet. Dann war ich neun Wochen in der Tagesklinik, da kam ganz eindeutig raus, dass meine Konfliktfähigkeit und mein Vertrauen in meine Wahrnehmung durch das “Schauspiel” meiner Eltern gestört ist. Ich machte dort eine Familienaufstellung unter dem Titel “Hier stimmt doch was nicht!”, sie hat mir die Augen geöffnet und auch meine Mitpatienten total berührt. So, also konfliktfähig bin ich kaum, ich bin außerdem ein sehr sensibler Mensch, auch was “Höheres” (im esotherischen Sinne) betrifft, traue mir aber manchmal selbst nicht über den Weg, bzw. vertraue meinen Gefühlen nicht, obwohl ich ein sehr verlässliches Bauchgefühl habe. Habe ich damit also “des Pudels Kern” gefunden oder sind das nur Auswirkungen? Ist es auch wirklich so wichtig, dass man weiß “Ah ja, das war dann und dann und deswegen bin ich jetzt depressiv!”? Klar wäre das wahrscheinlich schön, aber wenn man das nicht hat, ist dann jede Therapie, wie mein Vater behauptet, für die Katz? Solange ich nicht weiß, woran es liegt, macht die Therapie keinen Sinn und wenn mein Therapeut das nach einem Jahr mit mir nicht klar rausgestellt hat und bearbeiten kann, dann ist er nicht der richtige Therapeut?

Dieses Gespräch mit meinem Vater war für mich echt anstrengend und hat mich auch im Nachhinein total verwirrt. Hat er Recht? Ist mein Therapeut nicht der Richtige für mich? Ich fühle mich bei diesem Therapeuten gut aufgehoben, er fragt nach, gibt Denkanstösse, ich habe schon so einiges mitgenommen.

 

Gegen was kämpft man eigentlich?

Ich habe vorhin was im TV gesehen, da ging es um die Angst vor einer Krankheit. Es machte der Person Angst, weil sie im Gegensatz zu ihrem gefährlichen Job bei dieser Krankheit nicht wusste, gegen was sie kämpft. Man kann diese Krankheit nicht sehen.

Und so ist es doch! Depressionen sieht man den meisten Leuten nicht an, wir haben doch alle im Laufe der Zeit gelernt, zu funktionieren und zu schauspielern. Immer recht freundlich, spaßig aufgelegt. Bis man alleine ist, da ist es dann vorbei. Und ja, es ist schwierig, damit umzugehen. V.a. in den letzten Monaten habe ich in verschiedenen Therapien viel über mich und meine Probleme erfahren. Wenn man das Problem benennen kann und weiß, wann und wo es auftritt, kann es doch nicht so schwer sein, es zu bekämpfen, oder? Aber so leicht ist es leider nicht, mittlerweile merke ich, wenn ich mich total unnötig in was reinsteigere und ich merke auch, wie dämlich das gerade ist. Aber ich komme da einfach nicht raus!

Ich beschreibe es immer so: ich baue ein superschönes Kartenhäuschen, dann kommt (meistens) jemand von der Arbeit und zieht mir unten eine Karte raus, das Kartenhäuschen fällt in sich zusammen und ich bin am Boden zerstört. Auch wenn es sich eigentlich um eine Lappalie handelt und sonst bei mir gerade alles gut läuft, ich bin mit den Nerven am Ende, könnte nur noch heulen oder schreien vor Wut, schlafe schlecht, habe Albträume, kann nicht mehr essen, bekomme Angst. Dieses Spielchen mache ich nun schon seit bald sieben Jahren mit. Da ich lange Zeit nicht genug darauf gehört und mich nicht gut genug um mich gekümmert habe, hat sich mein Körper vor knapp drei Jahren gedacht: ok, Du willst also nicht hören, also musst Du fühlen. Ende 2014 ging es dann also auch mit den körperlichen Symptomen so richtig los, Bauchschmerzen, Übelkeit, Durchfall, Schwäche etc. Nach gut einem halben Jahr verschiedener Arztbesuche und Therapieversuche bin ich dann zum zweiten Mal wegen Dehydrierung im Krankenhaus gelandet, es wurde eine Magen-und eine Darmspiegelung gemacht und die Diagnose “Colitis ulcerosa” gestellt. Colitis ulcerosa (CU) ist eine chronisch entzündliche Darmerkrankung, die den Dickdarm betrifft. Dieser entzündet sich und kann auch Geschwüre bekommen. Diese Krankheit verläuft in Schüben, d.h. manchmal geht es einem gut, man kann alles machen und alles essen und manchmal geht es einem hundeelend und nichts geht mehr. Woher diese Erkrankung genau kommt, weiß man noch nicht. Man vermutet verschiedene Auslöser wie Umwelteinflüsse, genetische Neigung, falsche Ernährung und natürlich auch Stress. Bei mir bin ich mir seit einigen Monaten sehr sicher, dass ich die CU nicht bekommen hätte, wenn ich schon vor Jahren auf meine Psyche gehört und den Job damals einfach hingeschmissen hätte. Ich hatte aber immer Angst vor Arbeitslosigkeit, hatte damals auch kurz zuvor eine Dienstwohnung bezogen, die ich dann natürlich hätte räumen müssen. Und dann dachte ich jahrelang: da musst Du jetzt durch, das wird schon werden, Du kannst das doch, die müssen doch auf Dich Rücksicht nehmen. Und umso länger ich mir das eingeredet hatte, umso schlimmer wurde es eigentlich nur. Meine Depressionen machten sich immer wieder bemerkbar, mein Körper zog dann auch fleißig mit, ich habe mich aus Angst vor Jobverlust lange Zeit trotzdem in die Arbeit gequält. Ich dachte mir, sei offen, dann verstehen die Dich! Also hab ich aus meinen Depressionen und dann auch der CU nie ein Geheimnis gemacht. Und was hat es genützt? Die werten Damen und Herren haben immer richtig schön auf meiner Psyche rumgetrampelt, weil sie eben genau wussten, dass das der Schwachpunkt ist. Und dann rühmen sie sich immer mit “wir sind ja so sozial”! Sorry für die Wortwahl, aber: Am Arsch!

Jetzt bin ich etwas vom Thema abgekommen. Worum es mir eigentlich ging: die Depressionen und auch die CU kann man nicht sehen. Wenn ich vor Gericht bin, stehe ich der anderen Partei gegenüber, wenn ich mich in einem brennenden Haus befinde, sehe ich das Feuer, wenn ich mich mit jemandem streite, sehe ich die Person oder hab sie am Telefon. Aber die Depression, sie ist immer da, manchmal schlummert sie, manchmal wütet sie, aber: ich kann sie nicht sehen! Ich habe mir überlegt, mir für die verschiedenen Probleme, die ich habe eine Farbe und eine Form zu überlegen und dann zu versuchen, sie zu malen. Ich male gern, es macht Spaß und tut gut, auch wenn oft nicht das dabei rauskommt, was ich mir vorgestellt habe. Vielleicht wäre das eine Möglichkeit, wenn ich mal sehe, womit ich da kämpfe!