„Ja und nach der Ausbildung?“

Moin liebe Leser. Ich stecke in einer Krise aus Selbstzweifeln und Zukunftsängsten. Neeee, Scherz, so schlimm ist es nicht, aber bitte verzeiht mir im richtigen Leben das Angesäuertsein, wenn zum x-ten Mal folgender Dialog startet:

„Oh wie schön du bist zurück. War bestimmt eine tolle Fahrt. Und nun?“

„Nun habe ich Urlaub bis zum Schublock Anfang September.“

„Ach und dann? Die nächste Fahrt?“

„Nein, die drei Jahre der Ausbildung sind dann vorbei. Keine weiteren Fahrten. Leider! Sondern die Prüfung und dann bin ich ausgelernte Schiffsmechanikerin.“

„Achso. Und dann? Also nach deiner Ausbildung, WAS MACHST DU DANN?“

„Weiß ich noch nicht.“

„Aber in der Seefahrt willst du bleiben?“

For god’s sake, I don’t know yet! Ich bin weder eine Hellseherin, noch habe ich dreizehn Jobangebote auf meinem Schreibtisch liegen und nein, ich habe auch ohne Abschluss noch keine Bewerbung geschrieben. Somit: keine Ahnung! Und dann kommt das enttäuschte Gesicht und das „Aber, aber man muss doch…“ Ja, ich weiß, dass es schön wäre, eine sichere Zukunft für die Zeit nach der Ausbildung zu haben, aber die habe ich eben (noch) nicht. Zumal die Firma lieber Geld in Asien investiert, anstatt sich mit mauligen, deutschen Seefahrern und schwarz-rot-gold rumzuärgern (und genügend andere Reedereien ziehen ihnen nach).

 

Gewissermaßen kann man also sagen: hallo, ich bin auf der Suche nach einem Job.

Als Schiffsmechanikerin hat man wohl eher ein schweres Los. Einerseits kann ich mir nicht die 2-5 Jahre Erfahrung im Job aus den Rippen schneiden, andererseits weiß ich auch nicht, ob ich das möchte. Es ist ein Metaller-Beruf, wenn eine Reederei den Schiffmechaniker so fährt, wie meine Reederei und ich mag Metallbearbeitung nicht. „Ja, aber du hast es ja gelernt…“ Jop. Diese Ausbildung besteht zu 20% aus Metallbearbeitung, die anderen 80% sind wissenswert, machen Spaß und rocken! Im Beruf hat sich die Quote dann spontan um 180° gewendet. Spaß & Freude.

Dann scheint es noch die Kategorie zu geben, in der gelernte Schiffsmechaniker als Quereinsteiger einen anderen Beruf finden können. Selten, aber soll es geben.

Leider kommt dann ein großer Anspruch auf mich zu… Wartet, ich habe so viele Ansprüche! Dort gerate ich regelmäßig an weitere Diskussionen: ich möchte einen Job, der mich erfüllt! Rechnet euch mal aus wie viele Jahre ihr damit verbringt zu arbeiten. Und im Endeffekt sind es sogar die physisch besten Jahre. Gehört ihr zu der „sich auf die Rente zuarbeitenden Bevölkerung“? Dieses noch-20-Jahre-arbeiten-müssen – und was dann? Der heilige Gral, die Erleuchtung oder das heiß ersehnte Leben? Mit 67 das heiß ersehnte Leben starten zu wollen, finde ich etwas… optimistisch. Von daher schraube ich für meinen Job, der einen Großteil meiner Lebenszeit einnehmen wird, die Ansprüche hoch. Ich möchte mich nicht montags zur Arbeit quälen, mich irgendwie mit den spießigen und zickigen Kollegen arrangieren oder von der unergiebigen Arbeit runterziehen lassen müssen.

Wenn ich unglücklich bin, arbeite ich nicht gut, aber auch: wenn ich nicht gut arbeiten kann, bin ich unglücklich. Im Umkehrschluss bedeutet eine solche Einstellung natürlich auch für den Arbeitgeber einiges, aber heeeey, sie hat die Berufserfahrung nicht und wäre Quereinsteigerin, neeeee die Frau wird nicht eingestellt. Danke dafür. Aber nun zu meinen hohen Anforderungen…

  • Kein fester Ort / im Ausland arbeiten: ich kann mir nicht vorstellen meinen Lebtag in Deutschland an einem Fleck zu arbeiten. Dafür habe ich nun schon zu viele schöne Plätze auf dieser Welt gesehen. Wenn ich keinen Job finde, der mich um die Welt bringt, verlasse ich auch gerne Deutschland und schlage mich im Ausland durch.
  • Keine festen Arbeitszeiten: gut, ich kann auch 8-17 Uhr arbeiten, aber diese Regelmäßigkeit macht mich mürbe. Mit Schichten und wechselnden bzw. spontanen Arbeitszeiten komme ich besser klar – ob es nun ein Sonntag oder ein Montag ist, Nacht oder Tag, solange der Ausgleich stimmt. J
  • Möglichst keine Kunden… Sollte ich im Callcenter oder an einer Kasse sitzen, bitte nicht! Einen Tag würde es gut gehen, maximal zwei. Kundenkontakt auf dem 1st Level Support-Level ist zu… Ungefiltert. Kunden, die ein spezifisches Problem haben (eben nicht die Ottonormalkunden), sind kein Problem, aber die XYZ Menschenmassen dort draußen, die sich im Alltag gegenüber anderen Menschen nicht benehmen können, machen mich fuchsig. :P
  • Vergütung… Solange ich mit dem Job glücklich bin und ich noch gut über die Runden komme, ist mir das Gehalt recht egal. Ich bin auch ohne Auto glücklich! :D
  • Bunte Mischung – sowohl bei Kollegen als auch beim Aufgabengebiet lege ich Wert auf eine bunte Mischung. Anzugträger im Büro sind so charakterlos im Umgang, ich mag meine chaotischen Vögel, die sogenannten Charaktermenschen. Man ist per Du, kann auch mal dumme Witze reißen, aber wenn es an die Arbeit geht, läuft man wie ein Uhrwerk. (a.k.a. Harmonie von leicht Verrückten am Arbeitsplatz)
  • Die bunte Mischung der Arbeit ist wichtig. Ich bin ein Mensch ohne 100%ige Leidenschaft zu einem Feld, aber genau das macht mich eher zu einem Multitalent. Genau das macht meine Berufsfindung auch so schwer… Wenn ich eine Liste mit meinen Talenten erstelle, ist sie so bunt durchmischt, dass keine Richtung dabei herauskommt, aber auch das ist prinzipiell kein Nachteil – mein Vorgesetzter sollte es nur wissen und damit arbeiten können!
  • Mit den Händen arbeiten. Bürojobs sind zwar per se nicht schlecht, ich bin auch nicht allzu inkompetent dafür, aber als Langzeitlösung?! Puh, ne. Ich mache lieber irgendwas mit meinen eigenen Händen und auch körperliche Arbeit darf nicht fehlen. In einem reinen Bürojob würde ich eingehen wie meine Pflanzen…

Wie all der Spaß mit Weiterbildungen oder Umschulungen zu bewältigen ist, zu dem Punkt lasse ich mich im Schulblock noch beraten. Vermutlich hätte man dort als Abbrecher der Ausbildung noch am meisten Chancen gefördert zu werden! Das ist auch wieder eine dieser Seltsamkeiten unserer Bürokratie… Und nein, keine Angst, ich mache die Ausbildung natürlich zu Ende.

Drei Richtungen fesseln mich nach wie vor: Logistik, Psychologie und Technik im Bereich der E-Technik/ggf. Mechatronik. Die Psychologie ist eher ein Hobby-Feld und fällt unter den Tisch, beide anderen Richtungen sind nicht so unwahrscheinlich! Mit Logistik tendiert man eher zu einem Bürojob, hat aber international Chancen und die E-Technik… Mit den Grundlagen habe ich mich schon immer schwer getan, aber sobald man in der Materie steckt, kommen komplexere Probleme, die eine gute Fehleranalysefähigkeit voraussetzen und „Systemoptimierung & Fehleranalyse“ sind auf meiner Fähigkeitenliste sehr weit oben.

 

Wie ihr seht, stecke ich in einer Endlosschleife aus Planlosigkeit. Bis Dezember steht nun also an, etwas mehr Licht ins Dunkel zu bringen. (Licht! Eventtechnik finde ich auch spannend, aber von den Medien bin ich aus moralischen Gründen abgekommen. Seht ihr, Multitalent / Multiinteressiert!)






Cultural Differences

Kulturelle Unterschiede sind spannend. Herausfordernd & schwierig, aber auch lehrreich & faszinierend. An Bord gibt es generell zwei große Gruppen: Philippinos und Deutsche. Im Laufe meiner Schiffe kamen aber noch Nationalitäten dazu – Polen, Ukrainer, Briten und seit neuestem auch Chinesen.

Die Kulturen an Land sind natürlich noch eine ganz andere Geschichte! Allerdings verbringt man nur kurze Zeit mit ihnen, sodass man sich gar nicht eingehend mit den Eigenheiten befassen kann. An Bord bleibt einem allerdings viel Zeit für „Cultural Studies“ und man fängt an die fremden Kulturen besser zu verstehen.

Wir Deutschen sind im Schnitt distanzierter. Es wird sich oft nach Feierabend auf Kammer zurückgezogen und wenn man sich mit jemandem zusammensetzt, dann doch am Ehesten noch mit einzelnen anderen Deutschen. Regelmäßige Geselligkeit Fehlanzeige. Das ist etwas schade für mich, aber da kommen dann die geselligen Philippinos ins Spiel.

Denn Philippinos sitzen gerne zusammen und sei es nur um zu quatschen. Es ist eine Art familiäre Geselligkeit und irgendwie habe ich genau das an ihnen lieb gewonnen. Andererseits ist die Kultur gewöhnungsbedürftig. Wie man oft von Amerikanern sagt, sie seien gut Freund im ersten Augenblick, vergessen einen aber im nächsten – so sind auch Philippinos. Immer lächeln, immer Friede und Freude, aber was wirklich in einem Menschen vorgeht, bleibt verborgen oder vielmehr gut versteckt. Es geht mehr darum den äußeren Schein zu wahren. Das ist prinzipiell komplett konträr zu mir, denn ich bin eine herb-norddeutsche Natur. Harte Schale, weicher Kern oder so. :P

Was mich beim Landgang immer wieder abschreckt – Geiz. Feilschen bis zum Gehtnichtmehr, bloß kein Trinkgeld geben und auch ein simples „Danke“ oder andere Zeichen von Dankbarkeit sind selten. Höflichkeitsfloskeln im Grunde, Dinge, die uns deutschen im Knigge-Style eingetrichtert wurden. „Bitte, danke und einen schönen Tag noch.“

Was unsere Briten betrifft – wir haben vier bewaffnete Söldner an Bord, da wir vor der Küste Somalias durchs Piratengebiet schippern. Plus einen Australier als Passagier, der allerdings ein halbes Jahr in England lebt. Kulturell kann ich nicht viel sagen, sie sind halt klassischere Europäer und der allgemeine Umgang wirkt abgesehen von der Sprache natürlich. Aber diese Sprache… Ich weiß nicht, ob ich den britischen Akzent total schrecklich oder schön finde, irgendwie hänge ich da in der Schwebe. Bei den wohlgemerkt auch nicht gerade unattraktiven Kerlen hier an Bord, ist der Akzent doch arg schick. :D

Polen & Ukrainer sind ebenso wie Briten recht nah was die Kultur angeht. Wie man es von osteuropäischen Ländern gewohnt ist, ist der Umgang etwas schroffer. Oder es kommt mir durch den kantigen Akzent immer nur so vor. *g* Ich kann nicht sagen warum, aber trotz der Nähe zu Polen, sind die Leute doch irgendwie immer auf eine spezielle Art anders als wir.

Und nun kommt’s. Chinesen. :D

Auf meinem letzten Schiff kam kurz vor Ende noch ein chinesisches Doppelpack. Elektriker und ein Cadet fürs Deck. Auf diesem Schiff haben wir nur einen Quoten-Chinesen. Die Kommunikation ist eine Herausforderung… Chinesisches Englisch klingt SO anders. Anfangs muss man sich auch an das Philippino-Englisch gewöhnen, ebenso an den polnischen Akzent, aber Chinesen?! Ganz andere Liga. Zumal sie das R nicht aussprechen. Bestes Beispiel: „Drying“. Sprecht das mal ohne R. Wenn man also davon spricht, dass Gerät XY nicht trocknen kann, der Gegenüber aber versteht, dass jenes Gerät nicht sterben kann… Herrlich.

Elec: „This one is not d(r)ying.“

Chief Eng: „Who’s dying?“

Elec: „D(r)ying.“

C/E: „DYING?!“

Ich: „Chief. Drrrrying.“

C/E: „Oh. Ja. Okay.“

Unser Elektriker ist schon irgendwie niedlich. Klein, schmal, lacht voll knuffig. So ein Handtaschen Elektriker. :D Ich muss sagen, er ist sehr nett und gesellt sich auch bei vielem dazu. Mittlerweile verstehen wir uns auch so einigermaßen, sodass wir nun richtigen Smalltalk führen können. Und immer wieder realisiere ich, warum die Chinesen so auf dem Vormarsch sind und wir den kürzeren ziehen… Dort wird die nächste Generation Hochleistungsmenschen hochgezüchtet und bei uns verdummen die Kinder vor Smartphone und Fernseher.

Gestern hatte ich meinen Kulturmoment! Vor ein paar Wochen hat unser Elec chinesische Nudeln gemacht. War lecker, den Teig hat er selbst gemacht und als Sauce gab es dann etwas Chili-Knoblauchiges mit Öl. Als ich dann gestern unsere Kombüse gerockt habe, war er total begeistert von meiner „Pasta German Style“ (Hähnchen-Champignons-Weißweinsauce). Er war so angetan, dass er sich sogar noch einen Nachschlag geholt hat und natürlich wurde auch richtig laut geschmatzt. Wirklich, mein Kulturmoment des Tages. :D






Der internationale Zahn

Es ist ein pink-femininer Seefahrtsblog, so viel zum Thema. Dennoch muss ich euch mit dieser semi-privaten Story belästigen! Lasst uns über Krankheiten philosophieren – ich habe eine interessante Wurzelbehandlung hinter mir…

„Wie ist das eigentlich, wenn man an Bord krank wird? Ihr habt doch bestimmt einen Arzt mit, oder?“

Um mit dem Vorurteil aufzuräumen – nein, wir haben keinen Arzt an Bord! Wäre doch zu schön einen waschechten Mediziner für 22 Besatzungsmitglieder zu beschäftigen. Stattdessen sind speziell unsere Nautiker relativ geschult in medizinischen Fragen und der zweite nautische Offizier ist Medical Officer an Bord. Wenn man also ein Wehwehchen hat, geht man zu ihm. Ob einem dann kompetent geholfen wird, kommt auf das Engagement und die Schulbildung des Offiziers an…

Den Schritt habe ich aber umgangen. Durch Zufall ist mir ein Stück eines Zahns abgebrochen, allerdings mit einer derart ungünstigen Lage, dass auch der Kapitän meinte, ich solle zum Zahnarzt. Natürlich dachte ich mir nichts Böses dabei, schließlich war ich keine vier Monate vorher noch beim Check Up…

1. Stopp: New Jersey

Mit besagter Miniaturlücke ging es in USNYC (Port Code für New York, heißt reell aber eher New Jersey) zu einer Inderin. Die Praxis war gnadenlos überfüllt, entsprechend lange Wartezeit durfte ich über mich ergehen lassen. Es lief ein Fernseher, ohne den es definitiv erträglicher gewesen wäre. Die Werbung hat mich nochmal zum Grübeln gebracht, wie die US-Amerikaner so leben…

Wie auch immer. Es wurde ein Röntgenbild gemacht – sorry, aber der Zahn ist von innen hinüber. Verdammte Axt, da hat sich wohl Karies aus einer unbemerkten Stelle durchgefressen. Sie bohrte dann etwas, patschte ein Provisorium drauf mit dem Kommentar, man könne es bis Februar so lassen. Fünf Tage später hat sich das halbe Provisorium aufgelöst… Aber ich bin mir recht sicher, dass sie eine gute Leistung abrechnen konnte! Solltet ihr mal gesundheitliche Probleme haben – vermeidet es euch in den USA behandeln zu lassen.

2. Stopp: Algeciras

Lasst euch stattdessen lieber in Spanien behandeln! :D

Mein Arzt war überraschen gutaussehend, aber scheinbar auch kompetenter. Sein Englisch war stark begrenzt, aber mit einem spannenden Mix aus Spanisch und Englisch, haben wir dann doch kommunikativ zueinander gefunden. Er hat eine echte Wurzelbehandlung begonnen, inklusive Medikament im Zahn plus Antibiotikum. Seine Empfehlung war, in etwa sieben Tagen wieder zu einem Arzt zu gehen…

In Gioia Tauro waren wir an Heilig Abend…

In Piräus am zweiten Weihnachtsfeiertag…

Und danach waren wir in Rumänien……

3. Stopp: Emmendingen

Nachdem sich also an Bord nichts ergeben hat, hatte ich mir schon einen Termin in Rostock geholt, als mir eine Woche vor besagtem Termin auf dem Weg gen Süddeutschland der halbe Zahn weggebrochen ist! Notfalltermin in Emmendingen (nahe Freiburg). Dort kam mein Zahn dann auch zu seinem Titel: der internationale Zahn.

4. Stopp: Rostock

Nach weiteren zwei Terminen in Rostock ist nun eine endgültige Füllung im Zahn, inklusive Stabilisatoren. Meine Zahnärztin hätte die Behandlung viel lieber noch etwas heraus gezögert. Am Montag wurde er geschlossen, am Donnerstag ging der Flug und nun heißt es abwarten. Es besteht die Chance, dass er sich wieder meldet. Wohin geht es dieses Mal? Wiedersehen in Algeciras? Urlaubszahn auf Mauritius? Australien?






Routine

„Und, bist du schon aufgeregt?“ Diese Frage kommt vor jeder Fahrt diverse Male und mittlerweile muss ich sagen, dass die Antwort recht nüchtern ausgefallen ist. „Nö. Der Flug geht morgen früh, bin schon eingecheckt. Puh, aber heute Abend noch zu Ende packen und dabei wirkt der Koffer dieses Mal so leicht. Zu leicht.“

Es ist wirklich so, der Nervenkitzel der ersten Male lässt nach, man geht mit einer gewissen Gleichgültigkeit heran und das Gepäck wird leichter. Wenn man etwas vergessen hat: sei’s drum. Sind doch nur drei oder vier Monate… Kofferabgabe, Sicherheitskontrolle, die Flüge, das Umsteigen, vom Agenten abgeholt werden und der Weg zum Schiff – Routine.

Es macht sich immer mehr Gleichgültigkeit breit, aber das nicht nur zum Schlechten! Man lernt in der Seefahrt, dass man so vieles nicht ändern oder gar beeinflussen kann. Somit heißt es oft genug: abwarten & Kaffee trinken. Selbst wenn man etwas plant, im Normalfall kommt doch alles anders!

Meine Einsatzplanung für diesen letzten Einsatz war ein Paradebeispiel…

Geplant wurde ich nach eigenem Wunsch (da ich die Mannschaft kenne und die Route nach Australien für mich der pure Luxus gewesen wäre) auf die MSC Ilona, auf der ich auch meine vorherige Reise verbracht hatte. Etwa eineinhalb Wochen vor Einsatzstart bekomme ich die Absage, es seien nun Passagiere auf dem Schiff, aber man würde mich dennoch für Anfang März planen. Hmpf.

Und was kommt? Die Conti Paris mit der leicht verhassten MEDUSEC Route. USA-Mittelmeer Service. Bah, kannte ich schon und angesichts des Verlustes der Australien-Reise, war ich dezent angenervt. Da kam die Gleichgültigkeit ins Spiel. „Na, ändern kannst du es nicht… Immerhin kann man günstig Klamotten kaufen in den Staaten.“ Weitere zwei Tage später wurde korrigiert: früher einsteigen dank Routenwechsel. Welche? Australia Express. :D

Aber überhaupt, wo geht’s eigentlich hin dieses Mal?

Ich bin am 3. März eingestiegen und nachdem wir ein paar Häfen im Mittelmeer abgeklappert haben, ändern wir ab Antwerpen die Route! Antwerpen und Le Havre werden noch einmal mein Schlechtwetterschock, danach geht es zurück ins Mittelmeer, um die Ladung für unseren neuen Trip einzusammeln. Ende März erwartet uns der (teils neue) Suezkanal und dann geht es über La Reunion & Mauritius runter nach Australien! Die Rückfahrt beschert mir dann ein Revival mit Singapur, neues Entdecken in Colombo und Schwitzen in Oman, Djibouti und den VAE.

Anfang/Mitte Juni dürften wir wieder in Europa sein und dort müsste es für mich wieder nach Hause gehen. Packen. Transfer. Flug. Routine.

Schiff auf dem Trockenen

„Schiffe sind nur im Wasser in ihrem Element. Wie Wale. Nur metallischer.“

Bereits seit Ende November stand für uns fest: nach der US-Südamerikaroute geht es in den MEDUSEC Service, US-Mittelmeer. Mit dem Routenwechsel war uns allen recht klar, dass es in die Werft gehen würde. Seit Anfang Dezember lag das Schwesterschiff MSC Alessia im Trockendock in Constanta (Rumänien) und wir sollten folgen.

Komplett gelöscht wurde am 29.12., am 30. haben wir an einen Werftliegeplatz verholt und ab dem 4.1. begannen die Werftarbeiter ihre Arbeiten an Bord. Durch die eisigen Temperaturen in Constanta verzögerten sich die Farbarbeiten an der MSC Alessia und mit einigen Tagen Verspätung ging es auch für uns ins Trockendock.

MSC Alessia nach ihrer langwierigen Farbauffrischung.

Geplant waren neben „kleinen Reparaturen“ und dem Standard wie Sandstrahlen auch Großprojekte wie Tankmodifikationen und der Austausch von Wulstbug und Propeller auf dem Plan. Sandstrahlen und ein frischer Anstrich geben dem Schiff nach seinen knapp fünf Jahren im Wasser ein wenig Glanz zurück – außen hui, innen pfui! Was von außen schön und neu aussehen kann, kann arg trügen… Oder mit anderen Worten: „Rost und Dreck halten auch einiges zusammen.“

Die Bugform wurde ebenso wie der Propeller darauf angepasst Kraftstoff zu sparen, worunter im Endeffekt die Maximaldrehzahl unserer Hauptmaschine leiden musste. (Technischer Einwurf: es wurde auch geplant, einen der drei Turbolader blind zu setzen, wurde dann aber nicht gemacht. Dadurch hätte man vor allem im geringeren Drehzahlbereich einen besseren Druck auf den verbliebenen zwei TL erreicht, was im Endeffekt eine bessere Verbrennung und höhere Energieeffizienz zur Folge gehabt hätte.)

   

Größenvergleiche – alter Bug & neuer Bug; Vergleich zum Menschen mit Propeller, Bug und Ruderblatt

Die Tankmodifikationen dagegen kommen durch einen neueren Trend auf – nebst MDO (Schiffsdiesel) und HFO (Schweröl / Heizöl) wird nun auch ULSF HFO/MDO gefahren. „Ultra low sulfur“ bezeichnet einen wunderbarst niedrigen Schwefelanteil im Kraftstoff, den man in speziellen Teilen unserer Erde bereits braucht. Gerade die Amerikaner machen scheinheilig einen auf grün. Man muss ja irgendwie die Kernkraft ausgleichen, hm? :D Logischerweise brauchen wir für unterschiedliche Kraftstofftypen auch getrennte Tanks. Sowohl zum Lagern (Bunker Tank), zum Absetzen der schweren Feststoffe (Settling Tank) und für den separierten Kraftstoff für den Betrieb (Service Tank). Je ein System für Diesel und Schweröl gab es bereits, nun musste einer der Bunker Tanks gereinigt und mit neuen Rohrleitungen versehen werden. Außerdem wurden unsere HFO Service & Settling Tanks geteilt. Quasi ein mal in der Mitte durch. Klingt easy, neben der tagelangen Tankreinigung bedeutet es aber auch, dass das Heizsystem und sämtliche zu- und wegführenden Rohrleitungen komplett getrennt neu gelegt werden müssen. Sagen wir so, es dauerte etwas und durch die Reinigungsaktion sah unser Maschinenraum durchweg dreckig aus. Nicht nur „son Bisschen“. Nä. So richtig. Schweröl ist toll und lässt sich soooo leicht beseitigen. *hust* Riecht auch so schön.

Ich glaube fast, dass ich eine der wenigen Glücklichen Azubis bin, die in ihrer Ausbildung eine Werftzeit mitmachen durften. Unsere Ingenieure und Offiziere finden diese Zeiten nicht mehr sonderlich spannend, sondern eher nervig, aber so als Azubine? War schon nice!

Das Eindocken war bereits spannend. Nur mit Schleppern wurden wir in das schmale Dock manövriert und mit Leinen auf Position gebracht. Ein Taucher prüft die Position, damit die Stellen, die beim vergangenen Werftaufenthalt nicht lackiert wurden, dieses Mal frei liegen und anschließend wird das Dock leergepumpt. So einen Wal auf dem Trockenen zu sehen, ist einfach nur beeindruckend. Jedem, der sich für (große) Schiffe interessiert, kann ich einen Werftbesuch nur ans Herz legen – und dann ein mal unterm Schiff durchgehen… Etwas den Kopf einziehen sollte man schon, denn mit 174cm hätte ich mir den Schädel angeditscht, aber dennoch, dieses Gefühl tausende Tonnen Stahl auf diversen Metern Höhe über einem zu haben – GIGANTISCH und unfassbar! Einmalig in meinem Leben, das Erlebnis werde ich nie vergessen.

Außerdem sieht man wunderbar, wie das Schiff geformt ist. Achtern flach zuflaufend, in der Mitte bauchig (und mit Stabilisatoren ausgestattet! Das war mir gar nicht bewusst, kannte ich bis dahin nur von Kreuzfahrtschiffen) und zum Bug hin weiblich-kurvig geschwungen.

   

Es ist allerdings auch nicht alles hitverdächtig… Bereits im Vorfeld wurde diskutiert wie steinzeitlich wir wohl leben würden. Warmwasser? Fließend Wasser?! Strom? Heizung? Überlegt euch das mal… Kein fließend Wasser, ob nun warm oder kalt? Auf Toilette immer ins Dock zu müssen bei -10°C dort draußen? Geilo! Na zum Glück lief bei uns alles noch recht glimpflich ab.

  • Es wurden Frischwasserleitungen zwischen unserem Hydrophortank und den Frischwassertanks erneuert – Leitungen provisorisch mit Schlauch ersetzt.
  • Frischwassertanks hätten einfrieren können – wir hatten Glück, es war zwar zentimeterdickes Eis drin, aber uns ging nie das Wasser aus
  • Strom… Warmwasser, Heizlüfter auf den Kammern, das meiste Licht, die Steckdosen… Es stand zur Diskussion, dass wir mit einem Landanschluss nur die nötigste Versorgung hätten, bah! Na zum Glück blieben wir ohne Landanschluss, denn…
  • … es liefen zum Glück unsere Hilfdiesel unter Notkühlung! Technischer Einschub: wir haben Kühlwasser von Land in unser Feuerlöschsystem gespeist, von dort eine Leitung in den LT Kühler gezogen und das Outlet ging durch den Seekasten ins Dock. Ziemlich nette Idee eigentlich. Zeitweise wäre uns leider fast die Feuerlöschleitung an Deck eingefroren.
  • Heizung ist dann das nächste Stichwort. Einerseits braucht man Dampf, um sie zu betreiben und ohne unseren Hilfskessel, der für einige Tage außer Betrieb genommen werden musste, ging kein Dampf zur Heizung. Aaaaallerding war die anfangs eh defekt. Leckagen in den Dampfleitungen… Stellt euch das so vor: es ist Abend, ihr habt 17°C im Raum und es ist schon irgendwie frisch. Der kleine E-Heizlüfter kämpft wacker, leider aber auch seine 10 anderen Kumpanen auf den zwei zusammen geschalteten Decks, Teilblackout mit Notversorgung. Wenn keiner die Sicherung wieder resettet – und wer macht das schon, wenn das alle 30 Minuten passiert, dann wird es frischer. Morgens hatte ich noch 9,3°C bei einer Außentemperatur von -5°C. Fällt unter #DockErfahrungen! :D

  

Kalt, kälter, Constanta! Na, okay, hielt sich in Grenzen. *g*

Die MSC Ilona vor ihrer Sandstrahl-Kur. Kernige Schönheit? Rost bildet Charakter. :P

Willkommen in Rumänien, wo ein Schrottplatz noch Werft genannt wird! Oder war das andersrum? Auf jeden Fall hatte die Werft einen schrottig-osteuropäischen Charme von altem Industriestil. Sollte ich wieder dazu kommen eine Kurzgeschichte zu schreiben, oder jemals einen Film drehen, verarbeite ich garantiert diese schaurige, kantige Ruinenatmosphäre.

Longterm Landgang

Heeeeey, ich war an Land! In Rumänien. Echt nicht selten. Spreche nun fließend Rumänisch…

Scherz. :D Aber mal ehrlich, so eine Zeit in der Werft beschert einem viele Möglichkeiten an Land zu gehen. Das Land wechselt zwar nicht, aber auf die Art kann man wenigstens richtig was sehen! Man hat Zeit die Gegend zu erkunden und nach ein paar Wochen kann man schon Restaurantempfehlungen an Kollegen weitergeben, kennt den Fußweg zum Supermarkt oder den Weg mit dem Taxi zur Mall. Selbst in der Mall peilt man schon zielstrebig die richtigen Läden an. Eigentlich kann ich nun behaupten für über einen Monat in Constanta gelebt zu haben – stimmt ja! Meine Wohnung war dieses Mal nicht mal auf dem Wasser. Okay, klingt dennoch selbstsam, denn „zu Hause“ ist in der Zeit auch verbunden mit dem obligatorischen Passcheck am Hafentor und Werftgelände. Lediglich der Gangwayersatz (es gab ein angebautes „Treppenhaus“ von der Werft) ähnelt meinem heimischen Aufstieg in den 5. Stock.

Puh, was habe ich alles gemacht? Ich war zwei oder drei Mal mit Kollegen in der Mall, um diversen Kleinkram zu kaufen. Rumänien ist ultra praktisch! DM, Peek & Cloppenburg, C&A, Deichmann, Kaiser’s, Lidl… Man trifft auf viele Läden, die einem aus Deutschland bekannt sind und bekommt entsprechend viele vertraute Markenprodukte. Einerseits gut und sicher, andererseits für mich als Grocerie-Shopping-Touristin etwas langweilig.

Die Mall liegt recht weit außerhalb, der Stadtkern dagegen nicht weit vom Hafen entfernt. Dort sind viele Bars und Restaurants angesiedelt und was mich fasziniert hat: es ist meist was los. Von Brasilien und diversen südamerikanischen Ländern war ich regelrecht enttäuscht, da dort scheinbar schon um 19 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt wurden und man nicht mal einen Absacker trinken konnte. Nix. In Constanta sind auch im Winter abends die Restaurants geöffnet und nicht leer. Außerdem sind sie recht günstig bei guter Qualität. Ich war mehrfach in einem tollen italienischen Restaurant und zwei Mal in einem Irish Pub mit guten Cocktails.

Als ich allerdings anfing den Rückweg zu Fuß zu bestreiten, wurde ich von meinen Kollegen nur noch für verrückt erklärt. Warum denn auf ein Taxi warten, was einen dann in 10 Minuten zum Hafentor bringt, wo man zu Fuß in 15 Minuten gewesen wäre? Um auf das Hafengelände zu kommen, brauchen die Taxis in Constanta eine spezielle Genehmigung und ein teures Ticket, was ich nicht gewillt bin zu zahlen – warum also nicht nachts bei -3°C alleine eine Stunde durch Rumänien spazieren? :D Wäre meine Familie da gewesen, sie hätten mich gekillt…

Im Endeffekt muss ich sagen, dass meine Zeit in Constanta gut war. Es gibt sicher interessantere Gegenden, aber auch sehr viel abgelegenere Werften. Somit habe ich es noch ganz gut getroffen und wenn man zumindest ein wenig gut zu Fuß ist, kommt man auch günstig durch die Gegend.

Der Ort hat einen klassischen Osteuropa-Charm. Ja ja, hier kommt mal wieder die in Westdeutschland aufgewachsene Göre, die Ostdeutschland schon schockig fand (Stichwort Ruinen)… :D Die Häuer sind oft Block, grau und einfachverglast. Die Straßenzüge schreien auch nicht gerade „huuuu, wirtschaftlicher Wohlstand“! Dennoch wird aus dem Leben das Beste gemacht und im Oststyle die graue Gegend mit Parks und knalligen Farben aufgepeppt. Wenn man mir also sagen würde, ich müsse in Constanta leben – okay, denn die haben definitiv das bessere Wetter!

  

… wenn du dich fragst, warum eine Jacke im Kühlschrank ist.

Der Titel lässt es schon erahnen – es ist schräg. Wortwörtlich. Wie heißt es noch so schön? „Ich habe nicht richtig geschlafen, sondern bin nur hin und her gerollt.“ Auch wortwörtlich. :D

Ich hatte schon beim ersten Eintrag für diese Reise ein wenig Mimimi durchblicken lassen, denn vor NY hatten wir die Dünung durch den Hurricane und meine Sachen sind durch die Kammer gewandert. Das war bis zu dem Zeitpunkt die heftigste Situation, was Schiffsbewegung anging und nachdem ich vorher zwei Touren mit weniger bzw. anderem Seegang erlebt hatte, dachte ich auch, dass es das Highlight bleiben würde…

Nun hätte ich also besser vorbereitet sein sollen, nachdem es schon tagsüber anfing zu rollen (Hin- und Herkippen des Schiffs), aber frau ist schließlich optimistisch und sooo schlimm fühlte es sich auch nicht an. So gegen 23 Uhr haben wir uns allerdings so sehr aufgeschaukelt, dass auch dieses Mal bei mir diverse Sachen geflogen sind. Haken an der Sache ist nicht der Kleinkram, den ich auf dem Regal einfach nur stupide organisiert habe, nein, Problem war vielmehr, dass ich die Verriegelung meines Schränkchens nicht blockiert habe und sich mit einem Schwung nahezu der gesamte Inhalt fast schon systematisch in alle Ecken meiner Kammer verstreut hat.

Drei Sorten Waschmittel, Weichspüler und Shampoo Vorräte rutschten also rhythmisch von Seite zu Seite, die angebrochene Stiege mit Getränkedosen konnte ich gerade noch aufhalten, quasi mit einer Art Hechtsprung aus dem Bett heraus. Mittlerweile rollten schon mehrere Dinge durch die Gegend, denn auch meine normalen Ablageflächen und Tische hatte es zu dem Zeitpunkt schon leer geräumt. Mango, Kiwis, Birnen zusammen mit Notizblöcken, Stiften und Tempotaschentüchern. Ein kunterbuntes Durcheinander, zum Glück ohne Geschirr.

Wir rollen relativ schnell hin und her, entsprechend hoch ist die Bewegungsrate der Gegenstände, also hockt man auf dem Boden und versucht im richtigen Moment zuzugreifen, wenn sich ein Item dem eigenen Standort nähert. Einen „Takt“ abwarten, Schranktür auf, Sachen rein, Schrank zu. Logischerweise käme einem sonst unkontrolliert der Inhalt des Schränkchens entgegen, man muss also auf den richtigen Takt warten… Wenn man flott ist, geht auch Einsammeln und Verstauen in derselben Bewegung. Aber wenn man die Tür zur falschen Zeit geöffnet hat, war alles für die Katz…

Nebenbei steht man natürlich unter Beschuss durch Deos und weiteren Kleinkram aus dem Regal, wird vom leider nicht gelaschten Stuhl bedrängt und je nachdem wie stabil man hockt droht man auch selbst wegzurutschen. Sagen wir, es war die Erfahrung wert, aber nun verriegele ich mein Schränkchen doch besser. :D

Unheimliches Glück hatte ich dann doch, weil ich daran gedacht hatte zumindest die Tür zum Kühlschrank zu sichern, denn wie man sich vorstellen kann, möchte auch dessen Inhalt gerne im allgemeinen Durcheinander mitmischen. Viel habe ich nicht drin, aber auch die paar Flaschen und Dosen machen schon gut Lärm. Impro-Moment: wie sichere ich die Sachen? Irgendetwas mit rein stopfen, was den Kühlschrank auspolstert. Blick nach rechts. Sweatjacke. Läuft. Was mich gerade daran erinnert, dass ich die möglicherweise so langsam mal wieder aus der Kälte entfernen sollte… Hoffentlich klebt die nicht schon am Eisfach.

Dagegen ist das Bad easy: die Sachen halte ich gut verstaut und alles andere organisiert sich von selbst. Die Flaschen in der Dusche kippen einfach um und bleiben wie Felsen in der Brandung dort liegen, wo sie es sich bequem gemacht haben. Beim Kleinkram auf der Ablage sieht es anders aus – wie durch Magie wandert das alles unkompliziert ins Waschbecken. Einziges Problem sind die Roller meines Duschvorhanges, das Geräusch kann einen echt zur Weißglut treiben!

Die Geräusche sind eins der Highlights. Während man selbst gerade eben wieder Herrin über die eigenen Habseligkeiten geworden ist, hört man, wie in Nachbarkammern der Stuhl eine Party feiert oder undefinierbare Dinge durch die Gegend rollen und poltern. Spieleidee: „Was rollt da?“

Ganz besonders aufgeregt hat mich aber ein anderes Geräusch. Es ähnelte ein wenig dem meines Duschvorhanges, war aber quietschiger, in Richtung ungeöltes Scharnier. Ich konnte es nicht finden und selbst mit Ohropax war es teilweise nicht zu überhören. Und was war es?! Kleiderbügel, die im Gang an der Reling aufgehängt worden waren. AAAARGH.

Das ist schon irgendwie abenteuerlich, dazu kommt die Art und Weise wie man selbst die Bewegung ausgleicht. Im Stehen beugt man einfach die Knie entsprechend durch, im Sitzen geht nur der Oberkörper mit (kann ich gerade 1A live und in Farbe bestätigen) und beim Gehen muss man eine gewisse Vorsicht an den Tag legen. Ach und schlafen ist noch ein ganz anderes Kapitel – denn das geht einfach nicht! Im richtigen Tiefschlaf, bleibt man vll etwas länger weg, aber sobald man nicht mehr schläft wie ein Stein, wacht man alle 2-3 Minuten von den Bewegungen auf. Ich habe mir schon extra den Eintauchanzug unter die Matratze geklemmt, um einen Stopper zu haben, aber das hilft auch nur vorm Herausrollen… Sich katzenhaft komplett einzurollen, am Besten quer zum Schiff und nur am Kopfende, war auch nicht der Hit. Man muss es einfach über sich ergehen lassen und abwarten. Toi, toi, toi, ich werde schließlich nicht mehr seekrank von dem Spaß hier.

Nun entführe ich euch noch kurz in ein paar Details zur Konstruktion und Wellenkunde.

Jedes Schiff hat eine Art Metazentrum (GM), so gesehen eine Körpermitte der Balance. Dieses ist unter anderem abhängig von der Schiffskonstruktion, Beladungszustand und Ballastierung (ergo Tiefgang), hatte ich vor kurzem hier bei den DBBW-Tanks erwähnt. Es entscheidet also über das Aufrichteverhalten des Schiffes. Je nachdem wie hoch dieser GM (Schwerpunkt) sitzt, bestimmt er das Pendelverhalten des Schiffes. Bei einem niedrigen Metazentrum neigt das Schiff also eher dazu zu pendeln, also zu rollen. (Bei einem zu hohem GM mMn auch… Das wäre aber schlechte Verteilung der Ladung.)

Worauf ich bis dato nicht gekommen bin: wir können durch das Rollen sogar den Grund berühren! Das ist mir vorher nie in den Sinn gekommen, aber doch irgendwie sehr logisch. Mit unserem aktuellen Tiefgang von sagen wir 9m brauchen wir nicht so eine starke Wassertiefe. Wenn wir geradeaus fahren, würden theoretisch sogar 10m ausreichen, mal von der Antriebskraft abgesehen, die uns ansaugt. Und nun kommt der Clou an der Sache: mit einer Breite von etwa 40m hätten wir beim Pendeln/Rollen 20m zur Seite und könnten in einem ungünstigen Moment mit viel Schräglage wahrhaftig den Grund berühren!

Und nun kommt mir nicht mit „Aber Schiffe sind doch nicht so breit, das ist doch die Breite an Deck!“ Doch, nahezu. Nach vorne und achtern laufen die Seiten schmal zusammen, um die Stromlinienform zu erhalten, aber mittig ist es wirklich nahezu quadratisch. ;) Man sollte sich wundern, wie bauchig diese Giganten sind, obwohl sie von Außen doch irgendwie schlank und dynamisch aussehen.

Wellenkunde. Ja, ich habe das Wort „Dünung“ benutzt ohne es zu erklären. :P

Es gibt zwei Arten von Wellen – Windsee und Dünung. Die Windsee ist die aktuelle See, abhängig vom aktuell herrschenden Wind. Periode, Länge und Höhe sind also verursacht durch die Windstärke und die Richtung der Wellen entspricht der Windrichtung. Dass man Windstärken in Beaufort angibt und diese schon durch einfache Beobachtungen der See einstufen kann, wissen wir natürlich alle. :D

Die Dünung dagegen ist die alte See. Stellt euch den Regentropfen in der Pfütze vor – die vom Zentrum ausgehenden Wellen werden größer zum Rand hin, bevor sie ganz verschwinden. Es gab also irgendwo mal Wind, der Wellen verursacht hat, die sich dann im Wasser weiter fortgesetzt haben. In unserem Fall vor NY waren das Wellen-Andenken an Joaquin, dem Hurricane. Diese Wellen verlaufen ruhig, sind eigentlich höher als die Windsee und haben meist weite Täler. Zudem können sie eine völlig andere Richtung haben als der Wind.

Unser aktuelles Problem ist also nicht der Wind, denn den haben wir kaum. Dafür ist gestern ein Tief vorbeigezogen, was leichte Unwetter auf dem Atlantik verursacht hat und uns entsprechend Dünung aus südlicher Richtung beschert. Der leichte Wind und das Nichtvorhandensein von stärkeren Strömungen, dreht uns nun aber Ostsüdost und die Dünung trifft uns vorn seitlich. Das Schiff kippt also in die Täler, wird von den Wellenhöhen weggedrückt und schaukelt sich bei entsprechend unpraktischen Bedingungen richtig schön auf.

Soweit von mir, ich hoffe, dass wir heute noch einlaufen (ach, übrigens, wir liegen vor Santos am Anker) und ich dann nächste Nacht meinen Schlaf nachholen kann. * g *

Navegantes – Tausche Flip Flops gegen Caipirinha

Nach dem Bar- und Tanzlosen Abend in Uruguay hatte ich mir eins ganz fest vorgenommen: leckere Drinks und endlich tanzen! Ich wollte im Grunde wirklich nur an Land, um in eine brasilianische Bar zu gehen. Nur eine Bar. Ist das zu viel verlangt? Okay, unter der Woche ist das nicht der Renner, aber irgendwas hat doch immer auf! Oder auch nicht…

Starten wir am Anfang. Navegantes und Itajaí sind durch das Fahrwasser getrennt und wir lagen natürlich genau auf der falschen Seite. Die Verbindung besteht durch mehrere Fähren, zu unserem Glück unheimlich günstig. Dorthin ging es bei gewöhnungsbedürftigem Wetter (es ist grau und grau hier unten!) zu Fuß.

Meine „Reisegruppe“ hatte ein konkretes Ziel: die Mall, also Einkaufsmeile. Und wofür? FLIP FLOPS. Ja, wirklich. Es gibt dort einen Store, der nur eben diese Schühchen vertickt. Havaianas, scheint so ein Hype zu sein wie bei uns die Croqs, aber auch da erschließt sich mir kein wirklicher Sinn. Schuhladen, okay, aber ein Flip Flop Laden?! In den Philippinen seien diese Schuhe unheimlich teuer, somit wurde der halbe Laden leer gekauft…

Abendessen bot sich in der Mall ebenfalls an und auch ein paar andere Dinge lohnte es sich zu shoppen. Ich habe eine Macke, ich weiß: habe eine Yogamatte gefunden! Kein Witz, ich habe schon in Argentinien nach einer Gymnastikmatte gesucht und in dieser Mall fand ich eine in genau meiner Ausführung und zu einem total erschwinglichen Preis. Also kann man generell schon sagen, dass sich der Landgang gelohnt hat. :D

Auf dem Rückweg habe ich dauerhaft auf eine Bar gehofft, aber no chance… Ebenso wie in Uruguay war die Stadt nahezu tot. Oder wir waren nur völlig am falschen Platz.

Montevideo – „Steak“ Die Fortsetzung

Das ursprünglich zu erfüllende Lebens(teil)ziel, war das Steak in Argentinien. Des weiteren steht natürlich noch Caipirinha in Brasilien auf dem Plan! Allerdings gab es auch noch uruguayisches Steak, etwas Originelleres ist mir für Uruguay leider nicht eingefallen… Mal ehrlich, was assoziiert man mit Uruguay?

Ich liebe ja diese Häfen in denen man ohne Shuttle und Security einfach so durch die Gegend marschiert. Montevideo ist einer davon und in diesem Fall war die zu laufende Strecke auch nicht unbedingt gering. Man kann auf dem Weg die wunderschön rostbraune Färbung des Schiffs bewundern… Wäre eigentlich ein Scherz, aber die Außenhaut sieht wirklich nicht mehr so schick aus.

Am Tor angekommen noch fix ein Verbrecherfoto gemacht – ebenso unterschiedlich wie die Sicherheitsmaßnahmen IM Terminal sind auch die Gegebenheiten am Gate! Wo man in Argentinien gefilzt und doppelt gecheckt wurde, kann man in vielen anderen Häfen recht einfach raus und rein spazieren. In Navegantes folgte beispielsweise noch der Scan meines Fingerabdrucks, nur um ihn zwei Minuten später an einem anderen Scanner zu überprüfen und in Montevideo wurde für jeden von uns eine Art Ticket ausgestellt, natürlich mit Foto, dort waren biometrische Daten aber völlig Banane. :)

Äußerst praktisch ist auch immer die Entfernung des Hafens zur Stadt. Valparaíso war ein Sahnehäubchen letzte Reise, denn dort ist nicht nur der Hafen sehr nah, sondern das Hafenviertel auch genau das schönste und lebendigste der Stadt. Wogegen man in sehr vielen Häfen eine unheimlich weite Distanz zur Stadt hat. Bestes Beispiel dürfte Shanghai Yangshan sein… Allgemein hat man in den südamerikanischen Ländern die bessere Lage. Auch Montevideo war so ein Glücksgriff – das Gate liegt nur eine Straße von der Fußgängerzone entfernt. Kaum ist man aus dem Hafen raus, fällt man quasi schon in den ersten Souvenir Shop. :D

Kleines Manko: um 18 Uhr werden die Bügersteige hochgeklappt! Wirklich nicht witzig, die Läden machen unheimlich früh zu, sodass wir kaum etwas vom Trubel mitbekommen konnten. Nach dem Abendessen (Steak, was sonst?) sind wir stadteinwärts gegangen und im Endeffekt nur an einem Platz mit Burger King, Mc Donald’s und einer Art Pizzeria hängen geblieben.

Es gibt bei mir nicht unbedingt viele Tage/Abende, an denen ich total motiviert bin zu tanzen, aber an DEM Abend wäre ich wirklich unheimlich gerne in eine Bar gegangen. Und was ist? Totentanz! Wir sind somit recht früh zurück zum Schiff, um auf dem Weg zu erfahren, dass die Bars nur eine Parallelstraße vom Mc Donald’s entfernt gewesen wären. Ouh…

Allgemein wirkte Montevideo ein wenig wie eine Mischung aus Chile und Kolumbien. Schon im Hafen lagen viele Fischereiboote, davon viele offensichtlich nicht mehr fahrtüchtig. Auf eine gewisse Art und Weise hat es etwas Idyllisches, vor allem morgens zum Auslaufen bei Sonnenaufgang. Die Gebäude haben einen Touch wie Kolumbien – verschnörkelt und prunkvoll, aber vergilbt und angelaufen wie aus einer anderen, längst vergangenen Ära. Außerdem stehen sehr viele Gebäude leer.

22 Besatzungsmitglieder, 1 Schiff, 2 Zeitzonen

Und mal wieder ein Schwank aus meinem Alltag an Bord. Wie spät es ist, weißt du nachts, wenn das Telefon klingelt und man zum Standby bestellt wird: zu 80% ist es gerade 23:30! Die Midnight Shipping Company ist halt berechenbar. :P Scherz, aber im Ernst, die Manöver finden auffallend oft zur Geisterstunde statt…

Auf dieser Route liegen verhältnismäßig wenig Zeitzonen, vor allem, wenn man den Vergleich zu meiner letzten Reise zieht. Über den Pazifik stellt man 8-10h in 14 Tagen (bzw. ostgehend 21 Tage) und durch die Datumsgrenze überspringt oder vedoppelt man noch dazu einen Tag. Hier haben wir über die gesamte Reise nur 4 Zeitzonen. Sollte also gut machbar sein – oder!?

Vorgestern Abend lagen wir in Buenos Aires (-3h UTC) und hatten den Plan über Nacht die Uhr eine Stunde vorzustellen, auch zum Auslaufen nachts um eins war die Info aktuell. Somit war ich auf uruguayischer Sommerzeit (-2h UTC) als morgens um 7:15 mein Wecker klingelte. Die Nacht war kurz und ich Morgenmuffel habe natürlich gleich zwei Mal gesnoozt… :D Verschlafen bin ich also wenig später runter getapert aufs B Deck, um zu frühstücken und was ist? Ich werde irritiert angeschaut und gefragt, warum ich schon da sei. Mein Gedanke war sofort: Mist, da hat dein Handy wieder gezickt und die Stunde verplant. Aber nein! Es wurde mitten in der Nacht entschieden, die Stunde doch nicht zu stellen, da Uruguay dieses Jahr einfach mal keine Lust auf Sommerzeit hat… Die müde und zu dem Zeitpunkt schon hungrige Azubine schleicht also wieder auf ihr Deck und wirft sich noch 40 entspannte Minuten ins Bett.

Arbeitsbeginn 0800. Ich erscheine im Decks Workshop und mich grinst ein ausgeschlafener Kollege an. „Naaaa, gut geschlafen?!“ Ich erzähle ihm von der morgendlichen Verwirrung und er lacht ungläubig. Eine Stunde vergeht, es ist 0900 LT/AT (Azubi-Time) bzw 10:00 SM-Zeit, was für meinen morgens schon viel zu wachen Kollegen heißt: seine Uhr zeigt Coffee Time. Ich protestiere, komme aber nicht drumherum mich ihm anzuschließen und zu sehen wie er reagiert, wenn kein Kaffee im Office steht. Herrlich. Da hat er mir dann endlich geglaubt, wobei er seine Zeit erst umgestellt hat, als auch Chief Mate die neue alte Uhrzeit bestätigt hatte.

Letzte Nacht ging es von Uruguay aus los Richtung Brasilien. Und ja, in dieser Kombi müssen wir die Uhrzeit berichtigen, da die Brasilianer geplant ihre Sommerzeit durchgezogen haben. Des Nachts bot es sich heute nicht an, also eine Umstellung am helllichten Tag, nämlich von 13 auf 14 Uhr. Für mich kein Problem, meine Armbanduhr habe ich seit dem letzten Mal Brasilien eh schon nicht mehr gestellt… Um 1500 neuer Zeit erscheine ich zum Kaffee. Kaffee da, Azubine da, SM fehlt. Wieder einmal ist mein bärtiger Kollege in einer anderen Zeitzone gelandet! Habe mir dann den Spaß gemacht auch um 1600 zu erscheinen, um zu sehen, ob er doch noch zum Kaffee erscheint. Jop. :D

Herrlich, wenn die Hälfte der Besatzung informiert ist und in einer anderen Zeitzone steckt als die andere Hälfte. Aber gut zu wissen, dass nicht nur ich verwirrt war… Und daheim in Deutschland leiden so viele Menschen unter einem durcheinandergebrachten Biorhythmus wegen der einen Stunde im Jahr. * g *